Wer ist im Besitz seiner DSR-Kaderakte?

Saudrücker, Donnerstag, 15. Januar 2009, 23:25 (vor 3416 Tagen)

Im Sommer 1990 war ich als Schichtleiter in der Rundfunksendestelle Wiederau der Deutschen Post beschäftigt. Die guten alten Zeiten als Angehöriger der Deutschen Seereederei Rostock lagen schon mehr als zehn Jahre zurück und waren fast aus dem Bewusstsein getilgt. Es zeichnete sich schon ab, dass wir von der „Blauen Post“ mit dem 3. Oktober 1990 in die soziale Hängematte des Öffentlichen Dienstes bei der Deutschen Bundespost Telekom fallen würden. Nur zu welchen Bedingungen und unter welchen Voraussetzungen, das wusste noch keiner. Es schienen hochnotpeinliche Befragungen über die Mitgliedschaft bei den Jungen Pionieren und andere Untersuchungen über Fälle von Systemnähe bevorzustehen.
Eines schönen Tages hieß es: „Alle Mann raustreten zum Kaderakte säubern!“ Nein, ein Befehl war es natürlich nicht. Jedem Kollegen wurde freigestellt, seine Kaderakte in Empfang zu nehmen, dort drinnen nach Belieben zu schalten und zu walten und sie nach einigen Tagen in nun freiheitlich-demokratischer Grundordnungskonformität wieder zurückzugeben. Welche Dimensionen diese konzertierte Aktion in den Amtsstuben der noch real existierenden größten DäDäRätä der Welt erreichte, wer weiß das schon. Die Empfehlung kam vermutlich von höchster Stelle. Die Eingebung eines einsamen, kleinen Kaderleiters wird sie nicht gewesen sein. Wie auch immer, wer nicht ausgerechnet IM bei der Stasi war, besaß ab sofort eine weiße Weste und die 3. Kolonne konnte sich etablieren.
Die Interessenlagen der Werktätigen waren daher vielschichtig. Da ich mir nichts vorzuwerfen hatte, neigte ich dazu, schon aus Prinzip die Akte nicht anzurühren. Andererseits siegte die Neugierde, endlich einen Blick in diese geheimnisumwitterte Dokumentensammlung werfen zu können. So geschah es. Was würde einen zukünftigen Telekom-Gewaltigen und vermutlichen Wessi schon mein seefahrerisches Vorleben interessieren ? Vermutlich wenig. Und so „säuberte“ ich die Kaderakte von meiner DSR-Vergangenheit bis auf das Notwendigste, um kein Loch in meiner Biographie zu hinterlassen.
Meine Akte war nicht im geringsten spektakulär. Hatte ich dafür zu früh gekündigt? Außer dem Nachweis Jahresendprämie hatte ich alle Dokumente vorher bereits einmal in der Hand gehabt oder ich kannte ihre Inhalte. Aber es war überraschend, sie plötzlich nach langer Zeit und mit etwas Wehmut wieder zu sehen. Und so hatte die Angst vorm schwarzen Mann namens Big Helmut auch ihr Gutes. Im Ergebnis der Säuberungsaktion konnte ich meine DSR-Kaderakte als Zeitdokument gebunden in die Schrankwand stellen.

Wer hat ähnliches erlebt?


gesamter Thread:

 RSS-Feed dieser Diskussion

powered by my little forum