Rezension

cewe-freak, Freitag, 23. Januar 2009, 23:52 (vor 3408 Tagen) @ mike40

Zitat Anfang:
"Ihre persönlichen Erlebnisse sind unbestritten schlimm - aber nun erwarten Sie doch nicht von allen anderen Zigtausenden DSR-Seeleuten, sich dieselbe giftgrüne Hassbrille im Buddeisten-Stil aufzusetzen".
Zitat Ende!

Doch, Herr Spiewok, so etwas ähnliches kann Karl-Heinz Flegel erwarten. Nicht, daß alle Betroffenen ihre Peiniger hassen, oder daß er von Betroffenen verlangt, eine „giftgrüne Haßbrille“ aufzusetzen. Nein, tut er ja auch nicht. Aber es wird ihm doch erlaubt sein, wenn er angegriffen wird, das öffentlich zu machen. Und: Genau so könnte ich Sie fragen, warum hassen sie Frau Dr. Budde so? Weil sie für Ihre Begriffe zuviel Wahres schreibt? Haben Sie mal ein Buch von ihr gelesen? Kennen Sie die Geschichte des Beitrages, den Herr Flegel mit freundlicher Genehmigung von Frau Dr. Budde auf seiner Homepage veröffentlicht hat? Nein? Ich werde Sie darüber aufklären. Lesen Sie bitte erst das:

Sie haben recht, es gab Zigtausende DSR-Seeleute in der ehemaligen Deutschen Seereederei. Kapitän Gerd Peters hat als Insider in einer Festschrift zu 50 Jahre Deutsche Seereederei in der Sonderausgabe „Voll Voraus“ des Typ-IV-Vereins im Jahre 2002 sogar Zahlen genannt: 43.000 Seeleute. Er muß es ja wissen. Sie können das dort nachlesen. Er hat aber vergessen, daß die Partei- und Staatsführung der ehemaligen DDR durch ihr Vollzugsorgan, das Ministerium für Staatssicherheit, rund 10.000 jungen Menschen den Wunschberuf eines Seemannes verweigert oder unterbunden hat. Auch das stand im „Voll Voraus“. Und zwar in einer der letzten Ausgaben der Betriebszeitung vor der Privatisierung im Dezember 1993. Die Notiz war so klein, daß man sie übersehen konnte. 10.000 zu 43.000. Da sind 10.000 schon eine zu vernachlässigende Größe. Sind ja bloß 10.000 Menschen. Gefühle und eine Seele haben diese Menschen auch gehabt. Und auch den Traum, zur See fahren zu wollen. Wären es nur 100 oder nur 1.000 gewesen, sicher, das wäre auch sehr schlimm. Aber gut jeder Vierte. Und darüber einfach mit den Worten: „Die Welt dreht sich weiter“ zum Tagesgeschäft überzugehen, ist genauso Menschen verachtend, wie uns das 40 Jahre im real existierenden Sozialismus vorgelebt wurde und was Funker Felix erlebt hat und öffentlich machen möchte.

Es gibt keinen maritimen Verein, der sich gemessen an dieser großen Zahl von menschlichem und beruflichem Unrecht auch nur ansatzweise bemüht, eine Aufarbeitung in Gang zu bringen. Das ist Einzelnen, wie Felix oder Frau Dr. Budde vorbehalten. Und wenn sie das dann tun, müssen sie sich noch beschimpfen lassen. Sicher kommt hin und wieder mal ein Beitrag in den „Bordgeschichten“, der sich mit dieser Problematik „DDR-Unrecht unter Seeleuten“ befaßt. Aber jedes zweite Jahr vielleicht mal einer. Das ist zu wenig. Jeder vierte oder fünfte Beitrag müßte sich damit beschäftigen. Von Zwanzig Beiträgen müßten das fünf sein. Was passiert statt dessen? Ich will es Ihnen sagen, Herr Spiewok. Frau Dr. Budde hat den auf der Internetseite von Felix veröffentlichten Beitrag „Berufsverbote für DDR-Seeleute“ im April 2004 – vor fast genau fünf Jahren – dem Seeleuteverein Freiberg zur Veröffentlichung in „Bordgeschichten“ zur Verfügung gestellt. Haben Sie diesen Beitrag dort schon gelesen? Nein? Ich auch nicht. So ist der Umgang mit den „Gestohlenen Seelen“ heute. Vergessen, vertuschen, unter den Tisch kehren, in einer Schublade verschwinden lassen. Und wenn es dann doch einer öffentlich macht, wird er diffamiert. Dabei wollen die Betroffenen doch nur eins: Auf ihr Schicksal und das menschliche Leid, das ihnen widerfahren ist, aufmerksam machen. Ohne Haß. Ein wenig Verständnis darf ihnen wohl erlaubt sein. Selbst das verweigert ihnen die menschliche Gemeinschaft heute, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Alles wie gehabt.


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