Katastrophenwinter 78/79 - do you remember, too?

Saudrücker, Donnerstag, 15. Januar 2009, 20:19 (vor 3565 Tagen)

Ende 1978 gehörte ich nach dem Abschied von der Seefahrt seit einem halben Jahr zur Funkdirektion der Deutschen Post, nach der Farbe unserer Dienstfahrzeuge auch „Blaue Post“ genannt, die alle Fernseh- und Rundfunksender in der Republik technisch betreute. Am Neujahrstag 1979 musste ich um 12 Uhr meinen Dienst als Schichtingenieur in der Rundfunksendestelle Wiederau im Süden von Leipzig antreten, die nach ihrer Einweihung 1932 als „Großrundfunksender Leipzig“ einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangte.
Das Desaster im Norden der Republik war schon in aller Munde, als ich mich mit meiner Angetrauten nach einer Silvestervorstellung im Landestheater Altenburg bei noch recht angenehmen Temperaturen im beginnenden Schneegestöber auf den Heimweg in unsere Platte in Altenburg Südost begab. Es wird schon nicht so schlimm werden, der liebe Gott verlässt keinen guten Kommunisten, dachte ich mir in aller Naivität. Am Morgen war die Welt nicht mehr die, welche wir noch von 1978 her kannten. Was auch immer inzwischen passiert war, ich musste pünktlich um halb zwölf Uhr am Bahnhof in Gaschwitz sein, wo mich der aus Leipzig kommende BARKAS mit meinen anderen Schichtkollegen wie üblich auflesen wollte.
Das Dörfchen Wiederau in der Elsteraue lag außerhalb der Routen des öffentlichen Nahverkehrs. Irgendwie kämpfte ich mich bei zunehmend sonnigem Wetter, aber eisigen Temperaturen zu Fuß rechtzeitig die Parkstraße in Richtung Bahnhof hinunter. Ich hätte mir dafür viel mehr Zeit lassen können, der Zug kam mit einer gewaltigen Verspätung an, während die wenigen Reisenden auf dem Bahnsteig vor Kälte zitternd seiner harrten. Ich sah in Gedanken den BARKAS am Bahnhof Gaschwitz schon mal ohne mich abfahren. Der Zug fuhr ein, wir jumpten rein und schafften es tatsächlich bis in die Nähe von Regis-Breitingen und Deutzen. Hier begann auch der Zugführer seinen Silvesterrausch auszuschlafen und begründete dieses Vorhaben in einer Durchsage mit gebrochenen Schienen und heruntergefallenen Oberleitungen. Ade, mein blauer BARKAS mit den liebenswerten Kollegen im geheizten Innenraum! Nach etwa einer Dreiviertelstunde begann der Zug auf wundersame Weise wieder zu rollen; die defekten Schienen waren offensichtlich inzwischen zusammengefroren.
Am Bahnhof Gaschwitz wartete natürlich niemand mehr auf mich. Wider Erwarten steuerte bald ein Linienbus die Haltestelle vor dem Bahnhofsgebäude an, der mich bis nach Zwenkau brachte. Dort stand ich vor der Entscheidung, meine Bemmen über die rechte oder die linke Schulter zu nehmen, um mit ihnen den etwa drei Kilometer langen Fußmarsch bis nach Wiederau anzutreten. Gottlob war der Straßenverkehr inzwischen auch weitestgehend zum Erliegen gekommen, sodass ich die Fahrbahn benutzend zügig vorankam. Gegen 15 Uhr erreichte ich, vollgepumpt mit Glückshormonen dank der erholsamen Winterwanderung, meinen Dienstort. Dort bahnte sich, nachdem die Amerikaner 1945 alle technischen Zeichnungen mitgenommen hatten und 1956 das Gelände von der Weißen Elster überflutet worden war, die dritte Katastrophe des Jahrhunderts an. Der ideologische Kampf im Äther drohte zu Ungunsten der Guten zum Erliegen zu kommen. Karl-Eduard von Schnitzler stand kurz davor, an seinem verbalen Unrat zu ersticken, weil er ihn über das Mikrofon nicht mehr los werden würde, wenn landesweit die Stromversorgung zusammenbrach. In Wiederau lief seit Stunden die Netzersatzanlage, um die Sender mit Spannung zu versorgen. Großzügig speisten wir mit unseren zwei 1000 PS starken Schiffsdieseln – das einzige was mich noch an die Seefahrt bei meinem neuen Job erinnerte - zusätzlich ins Landesnetz ein, um die Kraftwerke zu unterstützen. Als ich nach drei derartigen Schichten mit zwei Übernachtungen wieder in Altenburg eintraf, froren die Wismut-Kumpel in Südost noch immer in ihren kalten Wohnungen und machten sich die Erbsensuppe aus der Dose über ihrem Campingkocher auf dem Balkon warm.
Und du? Hast sicherlich auf deinem Dampfer in Äquatornähe am Pool gelegen, schäme dich!

Katastrophenwinter 78/79 - do you remember, too?

Seemanns-Braut, Samstag, 17. Januar 2009, 13:05 (vor 3563 Tagen) @ Saudrücker

Jungs...daran merkt Mann, dass er alt wird!
80 Zeilen real existierende DDR ... Wo bleibt das richtige Leben?
Winter 78/79 - da fiel der STrom aufm Tanzsaal aus und ich hab mir mit der BRAUT aus unseren Klamotten ein Zelt gebaut ... ne war das schön... Zelt im Zelt, you know, besser : do you remember?
So war das früher...echt! Es grüßt Euch Berndt!

RSS-Feed dieser Diskussion
powered by my little forum