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Eineinhalb Längen Nord-Ostsee-Kanal (erradelt und erknipst)

Fotos zu diesem Bericht gibt es in dernadelFotogalerie MV privat zu sehen.

Auch wenn die Politkommandeure der Deutschen Seereederei äusserst ungern den Bonner Ultras die wertvollen Valutas für die Passage des Nord-Ostsee-Kanals in den kapitalistischen Rachen werfen wollten, bin ich in meinen 22 Jahren Seefahrt dennoch dutzende Male durch den NOK gefahren. Oft heimkehrend mit MS "John Brinckman", wenn die Bananen-Stauden aus Conakry schon zu dampfen begannen.

Längst urlaubsreif, auslaufend den Kanal zu passieren, wenn an den Ufern die Bäume, der Raps und der Löwenzahn blühte und von den Aussichtstribünen der Schleusen in Holtenau und Brunsbüttel die Urlauber uns mit einem "Becks" in  der Hand zuwinkten, das grenzte schon an seelische Grausamkeit.
Sandra und ich teilen da unsere antiquierten Empfindungen.
Jetzt, ich denke mal in meinem "wohlverdientem" Ruhestand will ich auch mal mit einem Matjesbrötchen und einem "Carlsberg" in der Hand den Status: "Bleibe im Land und nähre dich redlich" geniessen und von der Maisonne beschienen, vom blühenden Kanalufer aus, die Kollegen bedauern, die durch ihr Tun u.a. das herankarren, was unserm Wohlbefinden dienlich ist.
Sandra und Wuschel kommen mit.
Das fahrradfreundliche Tourismusunternehmen "Mecklenburger Radtouren" rollt dafür den Teppich aus. Etappen, Hotels und Gepäcktransport sind voreingestellt. Wir wollen die Gegend erradeln.

Am Sonnabend, 2. Mai mit eigenem PKW Antransport der Räder in Kiel. Eine Übernachtung im Hotel "Berliner Hof", PKW mit vier Euro pro Tag für eine Woche im "Sophienhof-Parkhaus" verstaut.
Uns bleibt der Anreisenachmittag für "Kennenlernen der Umgebung".

Wir pilgern die paar Kabellängen vom Hotel hinab zum "Bahnhofskai". Überqueren den letzten Zipfel der Förde und blicken hinüber bei einem Bierchen von der Terrasse der "Fabrik" auf Kiels Highlights.

Neunzehnhunderpaarundsechzig lag ich mit "John Brinckman" wegen einer mittelschweren Werftreparatur an eben diesem "Bahnhofskai". Mittendrin  im "Goldenen Westen"! Uns wehten vom nahen C&A und Karstadt Wolken vom Duft der grossen weiten Welt in die Bulleyes. Nur an den hoch hängenden Trauben, die in diesem Umfeld gediehen, konnten wir mit unserer winzigen Trittleiter nur mal ein wenig zupfen. Aber begierlich Schnuppern durften wir umsonst!

Jetzt schaue ich mit Sandra genau dort hinüber. Der "Duft der grossen weiten Welt" wurde nach 1989 sehr rasch verweht. Auch ein "Westpaket" hat dieses nicht wieder bringliche Aroma verloren.
(Leider konservierte nur die Stasi Duftproben!)
Was uns augenscheinlich heute und augenscheinlich schmerzlich entgegenweht, sind ganz schlimme architektonische Bausünden dieses Stadtzentrums. So einen zusammen gewürfelten Gebäudehaufen rund um den backsteinigen Bahnhof, dessen kann sich wohl nur Schleswig-Holsteins-Landeshauptstadt rühmen. Zum Ausgleich ist Kiel unwahrscheinlich radlerfreundlich aufbereitet, die Einwohnerschaft und auch wir, nutzen das auch ausgiebigst!

Am nächsten Sonntagmorgen radeln wir los. Sandra mit ehrlicher Kraft in den Beinen, ich mit elektrisch eingebautem Rückenwind und Wuschel, das "kleine Arschloch", hat vorn im Lenkerkörbchen stets alles im Auge, wie einst auf Feindfahrt KaLeu Prien auf seinem U-Boot-Turm.
Unterwegs ertönt der erste Kuckuck. Wir springen vom Rad und beklappern erstmals das Geläute des "Westkuckucks" mit "Westgeld". Der DAX wird durch die Decke gehen!

Unsere vorgegebene Route führt uns über Holtenau und Rendsburg bis zur alten Lotsenstation Nübbel vorerst am Kanal entlang. Dann hinauf über das "Storchendorf Bergenhusen" nach Friedrichstadt, über das Eider-Stauwerk an die Nordsee nach Büsum, ab dort wieder ostwärts nach Brunsbüttel und von dort stramm am NOK entlang zurück nach Kiel.

Na ja, wer des Fahrradfahrens kundig ist, wickelt die vorgegebenen Etappen zwischen 50 und 70 km locker ab...... aber, für die Etappe Friedrichstadt -Büsum droht uns der Wetterbericht des NDR-Schleswig-Holstein auf dem Hotel-TV gar Grausiges an.
(Der NDR-MV, mit seiner Wetterprognose von Hiddensee, ist auf keiner Hotel-TV-Pogrammliste verfügbar. "Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!")
Wir starten in das prognostizierte Wetterchaos. Sandra betuttelt ständig die Wetter-Apps auf ihrem heiss geliebten Samsung-Galaxi. Ihre Prognose: Die Wetterscheisse erreicht uns hier gegen 15.00 Uhr!
Wir stehen im heftigen Gegenwind auf unseren Pedalen 52 km lang auf der "Kohlstrasse" in Richtung Büsum.
Marschland, rundherum nur Gegend, reichlich mit Gülle aromatisiert, damit der Kohl (noch ohne Pinkel) auch richtig gedeiht.
Der Gülle-Duft wird von den reichlich installierten Windrädern flächendeckend verwirbelt.
Sandra tut mir leid! 
Der erbarmungslose Gegenwind zehrt auf dem platten Land an den Kräften und ihre handymässige Katastrophen-Vorhersage drängt dennoch zur Eile.
Die grünen Wegweiser mit Fahrrad-Sign auf der "Kohlstrasse" erfordern den Blick in die Karte. Danach sind wir so schlau wie vorher. Kundige Menschen beherbergt diese Gegend nicht.
Wie grundsätzlich alles (ausser der Wurst) hat auch diese Odyssee ein Ende.
Wir fitzen uns in dem Urlaubergewusel in Büsum, mit Hilfe des einzigen Einheimischen - dem Postzusteller auf seinem gelben Fahrrad - zu unserem Hotel "Tun Stüüermann" durch. Wir bekommen um 14.55 Uhr unser antransportiertes Gepäck, den Unterstellplatz für die Fahrräder und unsere Unterkunft zugewiesen.
Und schon bricht das Chaos aus!
Wir wohnen ebenerdig mit einer Terrasse vor der Kemenate.

Yuuh, wir haben noch rechtzeitig in letzter Sekunde ein Dach über dem Kopf, schieben die Gardine beiseite und  schauen auf einen anschwellenden Bachlauf direkt vor unserer erhöhten Terrasse. Der prasselnde Regen zieht waagerecht an unserem Fenster vorbei und genau dieses Unwetter weiter bis Bützow, um dort diese Stadt mittels Tornado nahezu zu schreddern.
Unser dortiges Sommerquartier liegt Luftlinie nur 12 km nördlich dieser plattgemachten Schneise. Wir rufen dort die Nachbarn an: "Macht euch keine Rübe, alles roger!"
Huch, sowohl hier in der Fremde, als auch zu Hause schadlos davon gekommen.
Ich werde dem Grossen Benamucki ein halbes Lamm opfern, na ja, falls ich es nicht vergesse.

Wie konnte es Gott mal wieder, in seinem unerforschlichem Ratschluss gefallen, in Bützow gerade die Kirche so heftig heimzusuchen? Seine eigenen Heiligtümer zerstören doch nur Schizophrene und eben Götter, ausnahmslos aller Gattungen mit allen verfügbaren Naturgewalten.

In Büsum sehen wir uns erstmals die Nordsee auch landseitig an. Nach einem NDR-Landschafts-Ausscheid liegt das Wattenmeer auf Norddeutschlands Platz eins! Hmmm, bei Ebbe, so weit das Auge reicht nur Schlamm, mit einem Wurm bei gepriesenen Wattwanderung zum Ausbuddeln darin als grösste Attraktion!?  Das ist die schönste Landschaft Norddeutschlands? Dieses Statement ist u. E. n. aber sehr lokalpatriotisch gefärbt.
Als sesshafter Ostsee-Anrainer (mit 9 Fahrradkilometern zum garantiert vorhandenen Wasser) würde mir doch an der Nordsee, nach einem morgendlichen Bad gelüstend, bei Ebbe ganz einfach das fehlen, worum ich als Badegast eigentlich gekommen bin.

"Tun Stüürmann" in Büsum ist ein gastliches, maritim-uriges Hotel. Wir radeln weiter, nun mit Südost-Kurs nach Brunsbüttel. Und, wie gewohnt, wieder im
erfrischenden Gegenwind.
Brunsbüttel besteht eigentlich nur aus der Koogstrasse, an dieser unsere Hotel "Zur Schleuse" und eben seinen NOK-Schleusen hinaus zur Elbe. Drumherum wohnt beschauliches Bürgertum im gepflegten Eigenheim. Trotz der vorher abgestrampelten Kilometer gönnen wir uns meist noch einen Rundblick über unsere Etappenorte. Selbstredend punktete da Friedrichstadt vom Schauwert am heftigsten und Rendsburg ist für Radler mit seinem "Altstadt-Pflaster", dem antiken muffigen Hotel "Pelli-Hof" und überhaupt und so und alles.... das Grauen.
Aber gerade um dieses Non-high-light zu erreichen, drohen von Brunsbüttel aus 70 km! Und ebendort sind zu Startbeginn am Donnerstagmorgen heftigste Sturmböen und Regengüsse vorhergesagt. Und die sind auch prompt nach unserem morgendlichen Gardinenzurückziehen anschaulich verfügbar. Es plattert schräg aus grauem flächendeckendem Gewölk.

Sandra gockelt in ihren Wetter-Apps herum und verfolgt auf dem Display die im Himmel hängenden Wassermassen: "Na ja mittags soll es besser werden."
70 km im heftigen schrägen Regen.
Ich kriege die Panik!
Unser Reiseanbieter hat eine "Notrufnummer" eben für solche Eventualitäten und z. B. Radpannen.
"Können wir nicht unseren Gepäcktransporter zur Mitnahme nutzen?"
Im Prinzip ja, kostet 50 Cent/km. Akzeptiert bei diesem Wetterchaos, aber, nach dem unsere im Hotel-Foyer bereitgestellte Bagage schon auf der Autobahn ist, kann diese da ja nicht wenden.
(Wenn einer z.B. auf der Autobahn von Rostock nach Berlin kurz nach dem Auffahren zurück gerufen wird, kann der einfach erst ab Berlin zurück kommen. Denn Wenden auf der Autobahn ist ja nicht möglich. Hätten Sie´s gewusst?)
Wir diskutieren mit "Mecklenburger Radtour" herum. Längst haben wir ersatzweise die Weiterreise in diesem Wetterchaos per Eisenbahn erwogen.  Aber der GLD-Terrorist Weselsky aus Dresden drückt nun auch den Wessis eine Reisebeschränkung auf!  "Nein, hier fährt doch die Regionalbahn, die streikt nicht!" Aber, zu dumm, Brunsbüttel hat gar keinen Bahnhof. "Sie müssten also nach St. Michaelisdonn radeln, oder wir holen ihre Räder und sie fahren mit der Taxe nach Rendsburg!" Spitzenidee!
Na gut, war mal ein Test des Rettungsprogramms von "Mecklenburger Radtour".
Zähneknirschend stülpen wir uns gegen 10.00 Uhr die Regenponchos über.
Auch Hundi vorn in meinem Lenker-Körbchen bekommt einigermassen Wetterschutz. Wir schwingen unseren ohnehin schon gestressten Mors auf den nassen Sattel.
Zum Glück...und erstmals auf dieser Reise kommen Nässe und heftiger Wind wenigstens von achtern. Auch Sandra, nur Eigenkraft-betrieben geht ab wie Schmidt´s Katze und schon bald hinter Brunsbüttel auch zaghaft die Sonne auf.

Wir zerren uns die Ponchos vom Leib. Zunehmend gestaltet sich der Himmel kumulös fotogen.
Ein Glück für uns, dass in diesem spezifischen Fall der deklarierte Rettungsservice unseres Reiseunternehmens nur deren Werbeprospekt dienlich ist. Aber auch wesentlich aktiver ist für den hoch gepriesenen NOK-Radweg die Werbebranche, als die Instandhalter dieser Wege beidseitig des Kanals. Auch Federgabel und Trapez-Sattelstütze dämpfen oft weder die übertriebe Mors-Massage und die provozierten Flüche für den oft holprigen Plattenweg.
Diese parallel verlegten Platten gehören der Kanalbehörde und dienen zum Unterhalt der Ufer und Signalanlagen. Die Tourismusbranche mit ihrer Werbetrommel ist darauf nur grossmäuliger Trittbrettfahrer.
"Schiffe satt", verkünden u. a. deren Werbeprospekte. Als wir am Sonntag in Holtenau am NOK starten, tut sich stundenlang auf diesem absolut nischt. "Hat neuerdings auch die Schifffahrt ein Sonntagsfahrverbot?" fragen wir uns ganz besorgt?  Wer bei einem Kurzbesuch am Kanal maritim interessiert ist, aber Pech hat, bekommt evt. stundenlang nicht einmal ein Stück Treibholz zu Gesicht.
Da wir eineinhalb Kanallängen abarbeiten, dabei die Mitläufer überholen, haben wir eine Bildergalerie der verschiedensten Typen zusammen geknipst.
Ich frage mich, warum die Bundesmarine heute in die Nordsee und morgen in die Ostsee am verholen ist? Nur die Lotsen, Kanalsteuerer, Festmacher,   Schleuser und Dieselverkäufer freuts, und wohl auch Frau von der Leyen. Den Steuerzahler weniger.

Wir winken beim Schiffegucken den Oldtimern, die zum Hamburger Hafengeburtstag unterwegs sind zu und auch alle Freizeitskipper sind diesbezüglich sehr kommunikativ. Auch unser "Wuschel" winkt deren Bordhund zu, die heissen meist alle "Bootsmann" und gucken neidisch zu "Wuschel" rüber ob deren lustvollen Gassimachens auf der Schnuppertour am Kanalufer.
Wer sich aus kommerziellen Gründen auf dem Kanal herumtreibt hat nur eins im Blick und diesen somit nur stramm voraus!

Da wir die letzte Etappe von Rendsburg nach Kiel mit den lumpigen 40 Direkt-km auf einer Morsbacke abarbeiten, verweilen wir lange auf der Aussichtsplattform der Holtenauer Schleusen. Bei herrlichem Sonnenschein mit einem "Carlsberg" in der Linken und einem Matjesbrötchen in der Rechten.
Ätsche, bätsche denke ich zu den Schleusenliegern hinüber: "Jetzt bleibe ich im Lande und nähre mich redlich!"
A pro pos redlich nähren. Am Fördeufer in Kiel ist Jahrmarkt. An einer der vielen Buden eines renommierten Bäckers kauft Sandra zwei "Schinkenbrezeln". 
Schon nach dem ersten Biss erfreuen sich diese Backerzeugnisse ihres Weiterlebens im Papierkorb. Versalzene zähe Knetmasse im Mondschein gebacken. Warum nur hat die Bäcker-Innung so gar keine Berufsehre mehr?
Muss heutzutage ein Bäckermeister für seine Ernennungsurkunde nur noch Rohlinge aus Polen oder China in den elektrischen Nirostaofen platzieren, um die dann dreifach teurer, als die der gleichen Herkunft aus den Discountern feilzubieten?
Die Kieler Brezeln vom Bäcker, ein ungeniessbares Dreckzeug!
Wir übernachten wieder im "Berliner Hof".
Am Sonnabend morgen plattert es wieder. Dennoch freuen wir uns diebisch.
Unser Auto steht unten im Hotelhof. Die Etappe heisst Kiel-Rostock.
Heute mit Dach über dem Kopf, Klimaanlage und den Mors im Schalensitz und nicht auf dem "Selle Royal".
Sandra kommentiert: "14 Tage schaue ich mein Rad nun nicht mehr an!"
Ich denke mal, wenn die überwiegend schönen Eindrücke (nicht die auf dem Hintern) dieser Kanal-Tour die Oberhand gewinnen, wird sie ihr Fahrrad auch wieder liebevoll streicheln!