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Fahrradferien in Holland

"Wir machen Fahrradferien in Holland", schlägt mir Sandra als 2017er-Urlaubsvariante vor. Da müssen wir nicht ein- und auschecken und auch nicht auf harten drahtigen Kiessieben in Flughallen rumlungern, weil evt. wieder die verarmten Lufthansapiloten ihre "berechtigten" Forderungen erstreiken und damit tausenden Nutzern ihrer Dienste den Urlaub versauen!
Dann lieber 1500 Autokilometer absolfünfen!

 

Fotos zu diesem Bericht gibt es in dernadelFotogalerie Niederlande zu sehen.


Sandra und erst recht ich waren, als Seemann verdungen, schon x-mal in Rotterdam, das reichte für mich für die Vermutung: "Mmmm Holland, kennen wir doch, ist doch nischt Neues!"

Weitestens gefehlt! Holland als Touri auf dem E-Bike, das ist ein himmelweiter Unterschied zu Hein Seemanns Welt in der Werft in Vlaardingen-Oost oder dem Walhafen von Rotterdam, Katendrecht und "De Bijenkorf" an Land.

Wir erreichen den nördlichen Zipfel Hollands, westlich vom Ijsselmeer über den "Afslutdijk". Das ist ein 32 km langer und 90 Meter breiter aufgeschütteter Damm quer durch die ehemalige Zuidersee. 5000 Mann schafften sich von 1927 bis 33 daran.

Durch dieses monumentale Bauwerk verbleibt jetzt das Salzwasser im "Waddenmeer" draussen und kann die Uferanrainer und Amsterdamer unten am Südufer nicht mehr belästigen. Solcherart separiert entstand das "Ijsselmeer" als Süsswassersee. Schleusen und Sperrwerke halten den Wasserstand stabil, gewähren der Schifffahrt den Zugang und auch Fischen wird mit sanft ansteigendem Frischwassergehalt der Zutritt gewährt.

Über den "Afsludijk" führt eine vierspurige Autobahn, selbstverständlich ein herrlicher Rad- und Wanderweg. In der Mitte ist der Damm verbreitert, bietet beidseitig  grosszügige abzockefreie Parkflächen, einen Aussichtsturm, Seezugang und Gastronomie.
Der Damm ragt 10 Meter über den Amsterdamer Pegel (NAP = Normaal Amsterdams Peil). Mit Blick auf die zunehmenden Wetterkapriolen sind für 2018 umfangreiche Erweiterungs- und Sicherungsmassnahmen im Plan.

Wir wohnen an Meck-Pomms Ostseeküste. Was passiert da mit Blick auf die kommenden Bedrohungen? Na allerhand. Oben auf den Steilküsten werden in immer kürzeren Abständen die Wanderwege landeinwärts gerückt und unten an der Küste immer frische Warn- und Verbotsschilder aufgestellt.

Die Steilküste westlich Warnemündes zieht sich nach jeder heftigen Brise alljährlich ein paar Meter binnenwärts zurück und wieder einige hundertjährige Buchen tunken trauernd ihr Geäst in die See. Auch an den Rügener Kreidefelsen darf sich die Ostsee freizügig ungehindert austoben. Bis der Tourist den berühmten Königsstuhl erreicht, wird er dreimal finanziell abgezockt. Für Küstenschutz, als Beitrag zum Erhalt dieser unwiederbringlichen bizarren Kreide-Formationen wird kein Cent davon investiert! 

Wir haben uns im nördlichen Flachland von Amsterdam in Oosthuizen eine Pension zwischen Kühen, Schafen, Ziegen und Graugänsen, paarhundert Meter hinter dem hohen Deich vom Markermeer ausgeguckt. Wie jede holländische Behausung phantastisch an das phänomenale holländische Radwegenetz angebunden. Auf diesem bringt dem "Fietser", wie ein Radler genannt wird, nie ein langer Anstieg zum schnaufen. Die höchste und längste Steillage führt gelegentlich hinauf zur Deichkrone. Wenn diese nicht asphaltiert ist, gilt sie als Wanderweg und fietsen und bromfietsen (Mofa-Fahren) ist verboten. Auf den generell asphaltierten Radwegen unten am Deich rauben uns sittenunkundige "Fietser" die holländischen "Bromfietser" stellenweise den Atem, denn die dürfen mit Kleinkraftrad und wohl 50 Sachen genüsslich auch die Radwege benutzen, und wie! Und ständig überholen uns am Limit kurbelnde Radrennvereine, uniform im gleichen Renndress und mit Helm. Alle Fietser, die Fietsen sportmässig betreiben, tun das auch mit Helm. Ansonsten tragen in Holland Dahinradelnde nur Helm, wenn sie der aufgeklärteren deutschen Nation angehören, wo die uns umsorgenden Politiker, also bezahlte Lobbyisten der Helmfabrikanten,  gern gegen Gebühr pflichtgemäss ihre Fabrikate  aufstülpen möchten, ansonsten für den Radler, nicht nur gefühlt, sondern spürbar kaum etwas übrig haben! 
Als wir in Amsterdam-Noord unsere E-Bikes dem THULE am Heck unseres PKW entnommen haben und über die kostenlose Fähre über das breite Hafengewässer die Central Station erreichen, verschlägt uns der ruhende und bewegte Fietser-Verkehr den Atem. Am Fähranleger, an der Amsterdam Central Station, ist ein Fussballfeld-großer Parkplatz zweistöckig mit Fahrrädern sättigend vollgestaut. In der angrenzenden Altstadt lehnen abgeschlossene Fahrräder an allem, was zum Anlehnen- und schliessen geeignet ist. Auf den Radwegen herrscht dennoch ein hektischer Fietserverkehr. Wir haben den Eindruck, dass die eine Hälfte des Fahrradweltaufkommens in Amsterdams ruhenden Verkehr abgestellt ist und die zweite Hälfte dennoch ausreicht, Amsterdams City sättigend zu füllen. Dabei noch schmückend vervollständigt durch die vielen, sehr wendig kurvenden Bromfitser!

Jeder trampelt was die Gangschaltung hergibt und ist keinesfalls kontaktscheu, es geht hauteng zu. Wir lassen uns im Zentrum aus dem Sattel gleiten, wischen den Angstschweiss und das austretende Adrenalin von der Stirn, knipsen ein wenig um uns herum und schlagen uns nach zwei Stunden entnervt wieder zur Hafenfähre und dann gen Noorden durch.

Durch ein erfolgsversprechendes Freisitz-Restaurant und evt. vom dortigen Heineken-Bier vom rechten Wege und ein wenig vom Pfad der Tugend abgekommen, verirren wir uns hoffnungslos und trampeln auf verkehrsberuhigten Rad- und Parkwegen in Amsterdam-Noord weitere zwei Stunden, anscheinend immer rund um unser geparktes Auto herum.

Zum Glück hatte Sandra zwei Strassennamen und den Namen der Bushaltestelle bei unserem abgestellten Auto auf dem Handydisplay konserviert. Die Strassennamen sind zum Wiederfinden unseres geparkten Autos for nothing, wohl aber der Name der Bushaltestelle.

"Ziekenhuis" ist namentlicher Bestandteil der dortigen fotografierten Haltestelle. Jetzt kommen mir meine seemännischen Erinnerungen aus Rotterdams Werftzeiten zu Gute. Ein jeder frotzelte damals nach seinem Landgang mit den für uns verbalen Kuriositäten der flamischen Sprache herum: " C & A is veel voordeliger", oder das Namensschild am Aussenministerium: "Ministerie van Buitenlandse Zaken" und mich liess das Praxis-Türschild eines Internisten erschmunzeln: "Ars voor inwendige ziekten". (Bei dem gegenwärtigen Hollandbesuch ist der Werbespot eines Wohnmobil-Vermieters mein Highlight: "Camper huuren")

Jetzt in dem weitläufigen Amsterdam-Noord hoffnungslos verirrt und den Tränen nahe, erinnert mich auf Sandras Display das "ziektenhuis" im Namenszug an der Bushalte an den Spezialisten für "inwendigen ziekten" vor 45 Jahren: "Sandra, die Bushalte ist in der Nähe des `Krankenhauses´ dieses Stadtteils. Alle Gebrechlichen kennen doch immer das Krankenhaus ihrer Gegend!" Und richtig, wir fragen ältere Damen und finden mit deren kundiger Wegbeschreibung unser kostenfrei geparktes Auto. Unser Bedarf an Amsterdam ist gedeckt und Wuschel, das kleine Arschloch, obwohl sie ihren ersten Auslandsbesuch aus dem Lenkerkörbchen heraus sichtlich genossen hat, ist der gleichen Meinung.

Nordhollands Käsemärkte versetzen uns in Verwunderung, so wie man mit Käse Mäuse in die Falle lockt, so locken Edam, Vohlendam und vor allem Alkmaar  Millionen zahlungswillige Touris nur mit Käse in ihre gepflegten Kommunen. In Edam am Dienstag mit "Edamer" Käse und in Alkmaar am Freitag mit "Beemster" Käse. Und wie! Auch wir kaufen von beiden Arten mehrere Unterarten. Alle el mundo, sie munden!

Das körperlich schwere Herumgeschleppe der Käselaiber (vorausgesetzt, sie sind nicht verkappte Leichtplaste & Elaste) ist doch reinste Touri-Show. Völlig unnütz ist erst recht das Herumgestocher der mit den Käsekloppern beladenen Holzboote auf den Grachten rund um den Alkmaar-Käsemarkt und seiner imposanten Kirche. Aber eben schön nostalgisch anzuschauen und vom Blitzlichtgewitter der Touris ins rechte Licht gesetzt. Die Japanerinnen fotografieren sämtlichst mit Handy am Stiel, so ist dann auch ratz-batz gleich das Selfi vor jedem nur tauglichen Hintergrund im Kasten. Die wöchentlichen Käsemarkt-Zeremonien sind die holländische Version der weltweiten Touristen-Shows, wie z.B. die angeblich volkstümlichen Hottentotten-Tänze in South Africa oder der Haka-Tanz mit Gebrülle der tätowierten Maoris auf New Zeeland. Dennoch, wer Hollands Käseauf- und Angebot so nicht gesehen hat, hat (na ja ein wenig) was verpasst!

Wir fahren mit unseren "Fietsen" hinten auf dem THULE nach Den Helder. Eine gute Entscheidung. Der Hafen ist ein sehenswertes maritimes Museum und gewährt vielen alten dampfgetriebenen und besegelten schwimmenden Antiquitäten einen betreuten und geruhsamen Altensitz und vielen Restaurantbesuchern an den Piers aus dem ehemaligen Lagerschuppen heraus, einen beschaulichen Anblick. Das dort ebenfalls eingeparkte "Lichtschip" TEXEL, lässt bei mir die Erinnerung an viele sturmgepeitschte Vorbeifahrten an diesem damaligen ortsgebunden verankerten GPS-Ersatz aufkeimen.

Der riesige Deich, der dieser tiefliegenden Stadt die herbe Nordsee zuverlässig vom Leibe hält, ist ein wohl einmaliges Bauwerk. Eine schräge zur See abfallende Fläche, A-glatt asphaltiert und breit wie ein Flugfeld. Nur die Deichkrone ist begrast. Auf halber Höhe des Asphaltbelages ist ein markierter breiter Streifen abgeflacht und begeistert uns als herrlichster Radweg der Welt. Seeseitig beglückt den Fietser noch der Blick auf den hell herüber leuchtenden Sandstrand von TEXEL. Landseitig entwickelt der Fährhafen für die logistische Betreuung der Insel ein geschäftiges Treiben.

Jedem Touri, der sich in den niederen Landen für deren "binnenlandige Zaken" interessiert, beeindruckt das Wirken der holländischen Wasserwirtschaftler. In nahezu ganz Holland ragen nur die Deichkronen über Meeresniveau in die Höhe. Nur durch diese endlosen, aufgeschütteten Wälle kann das Land vor Überflutung geschützt,  bewirtschaftet und bewohnt werden. Aber nicht nur das, Rotterdam hat auf einem Niveau von 5 Metern unter Null auch noch eine U-Bahn abgetäuft.

Die Niederlanden durchziehen hoch eingedeichte breite Wasserwege, tiefer darunter Gräben und Polder mit unterschiedlichem Niveau. Die wasserableitenden Kanäle sind sorgfältig eingedeicht. Vier oder fünf Meter darunter schauen die Bewohner oft von ihrem herrlich blühenden, gepflegten Gärtchen zwischen den prachtvollen Hortensien dort hinauf.  (So wie die Chinesen von ihren Reisfeldern hinauf zu ihrem Gelben Fluss, dessen oft brechende Deiche schon Millionen das Leben nahmen.) Die holländischen Wasserbau-Ingenieure haben alles proper im Griff! Das Land, das ohne dem Fleiss und Knoff-Hoff seiner Bewohner, zum allergrössten Teil nur aus Wasser bestände, wird gerade von dem Elemente nun nie bedroht! Holland kennt keine Waldbrände und keine Hochwasserkatastrophen!
Nahezu alle Grachtenanrainer haben praktische vor ihrem gläsernen WZ-Ausgang und ihrem blumenumrankten Freisitz mit vielen Klein- und Grossoden auch ein Boot mit Heckquirl, oft aber auch eine mondäne Motoryacht zu liegen. Spreewaldambiente, nur in Holland wesentlich holländischer.

Die Wirtin unserer Pension erläuterte uns: Wir leben hier 4,7 Meter unter NAP, Normaal Amsterdams Peil. Noch nie hatten wir Probleme mit dem Wasser!

Holland pumpt Tag und Nacht Wasser aus den Poldern zwischen den tiefliegenden Siedlungen, den Tulpenfeldern und Weiden hinauf auf Meeresniveau. Früher mit windgetriebenen Poldermühlen, heute elektrisch und ausgebufft computergesteuert!

Nahezu jedes bewohnte Gehöft, Dörfchen, Städchen, auch viele Grossstädte werden von uferbefestigten Grachten durchfurcht. Oft lassen sich auf ganzen Strassenkilometern die Gehöfte nur über die eigene Brücke auch mit dem PKW erreichen. In Holland wurden diese Bauwerke wohl schon millionenfach errichtet.

Auf einer Radwanderung erfreut sich die "Schermermühle", eine als Museum erhaltene Holländermühle an unserem Besuch. Eine hochinteressante, antike Poldermühle, die mit Windkraft das Wasser aus dem Polder den Deich hinauf in den abführenden Wasserlauf quirlt. Wäre die "archimedische Schraube" unten im Fundament der Mühle noch über ihr hölzernes Zahnrad eingerückt, könnte bei günstigem Wind die Mühle pro Minute 60 m³ Wasser 120 cm anheben. Um das in den Poldern gesammelte Wasser aber 4,5 Meter hochzubuckeln, ward eine Poldermühlengruppe hintereinander installiert. Ein Wahnsinnsaufwand.

Da die reetgedeckte Mühlenhaube immer mit Muskelkraft in den wechselnden Wind gedreht werden musste, lebte der Müller mit seiner Familie stets Haut- und Ohr-nahe in Mitten der knarrenden hölzernen Mechanik der Mühle. Auch die beiden winzigen Schlafkammern mit Bettzeug, der alte Hausrat, gusseiserner Kanonenofen und offene Feuerstelle mit Wurst und Schinken in dem Rauchabzug, hätten sicher damals in mir kein Verlangen nach diesem Berufstand aufkommen lassen.
Das drehende Windrad protzt mit seiner gewaltigen Kraft, wenn die betuchten Flügel mit Schattenwurf an uns vorbei rauschen. Die hölzernen Zahnräder, Pflöcke die in das gelochte Gegenstück eingreifen, setzen die horizontale Rotation der Flügelwelle in eine vertikale zum Betrieb der unten im Fundament kurbelnden "archimedischen Schraube" um. Beeindruckende Technik, die bereits seit 1650 das Land überhaupt für den Menschen nutzbar macht und dennoch für Millionen Wasservögel in friedlicher Koexistenz als Paradies erhalten bleibt. Selbst der selten weisse Löffler, den ich in Deutschland noch nie entdeckte, durchfurcht im Zick-Zack mit seinem breitgeklopften Schnabel den schlammigen Grund eines Meliorationsgraben, wie man diese Entwässerungsart zur Beseitigung nützlicher Feuchtbiotope damals in der DDR nannte.

Was jedem Deutschen und uns damals als seemännische  Besucher Hollands schon auffiel, ist das offenherzige Wohnen dieses Menschenschlages. Meistens kann der Passant oder Fietser am Geh- oder Radweg in ein puppenstubenähnliches Wohnzimmer hinein- und an der Hofseite wieder hinausblicken. Vorbei an gepflegtem, aufgeräumten, blitzsauberen Ambiente. "Wo repariert oder zerlegt denn der holländische Heimwerker seine Kaffee-Maschine oder den Laptop?", denke ich vor mich hin? Keinesfalls wohl so wie ich, zwischen dem ausgeräumten Werkzeugkasten auf dem vollgemölten WZ-Tisch und auch mal nur in der Unterhose.

Mit einem Gardinenhandel sollte man sich wohl in Holland nicht selbstständig machen, eher im Fietser- oder Bromfietsergewerbe oder mit Wasserpumpen aller Art!

Und was mir jetzt - mit 40 Jahren Abstand - auch auffällt:  De Nederlandse meisjes haben an Schönheit gewaltig zugelegt. Dieser Volksstamm wurde, der Globalisierung folgend, allerdings auch kräftig durchgemischt. Ein recht hoher Prozentsatz lässt im Erscheinungsbild markante Abweichungen von einem/er DIN-gerechten Nederländer/in erkennen.

Die Niederländer, anrainender Volksstamm der gleichen Sprachfamilie und doch recht weit vom Deutschen Volksgut entfernt. Deren Sitten, Gebräuche, die Lebensart und vor allem das technische Knoff-Hoff, mit dem sie hartnäckig den Naturgewalten ihren Lebensraum abtrotzen und erfolgreichst verteidigen, das hat uns erneut nur Bewunderung abgerungen. In hundert Jahren, wenn Grönland und die Pole abgeschmolzen sind, saufen in Europa die Niederländer zuletzt ab.

Echt goed gedaan! Sie haben es sich verdient!