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Berufsverbote für DSR-Seeleute Drucken

Meinen Lesern,
ursprünglich war es nicht mein Vorhaben, diese HP vorrangig stasimässig zu durchseuchen. Allerdings sehe ich auch keine Veranlassung, diese Kapitel der DDR-Geschichte aus meinen Druckerzeugnissen zu entfernen.
Nun überkommt aber einen Bekannten erneut das Verlangen, hier im Forum das Thema zu erörtern.

Ich bin bestrebt, nach Möglichkeit auf die Wünsche der "Freunde dieser HP" einzugehen.
Betrachtet daher diesen Beitrag im Zusammenhang mit dem "Opening" im Forum.
Frau Dr. Budde, Juristische Fakultät der Universität Rostock, gilt mein Dank für die nachstehende aufwändige Aufarbeitung der einschlägigen Akten.

 

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Berufsverbote für DSR-Seeleute

 

Bei meinen Recherchen zum Hintergrundverfahren von Berufsverboten von DDR-Seeleuten begegneten mir auffällig viele Leute, die behaupteten, daß nach dem Zusammenbruch des einstigen "Arbeiter-und-Bauern-Staates" Seeleute rehabilitiert werden wollten, die doch eigentlich wegen des Suffs oder wegen schlechter Leistungen rausgeworfen wurden. Die Meinung, so schlecht war das alles gar nicht und wer sich anständig benahm, dem passierte auch nichts, hält sich heute noch hartnäckig. Hinzu kommen die vordergründig lustigen Geschichten der Seefahrt, die es zweifelsohne gab, aber eben nicht nur.
Der Rückblick auf den geheimnisumwitterten Sichtvermerk im Seefahrtsbuch [1] ist problematisch, löst ein mulmiges Gefühl in der Magengegend aus. Das werden alle diejenigen wissen, die Einsicht in die Stasiakten nahmen. Viele Akten wurden aber vernichtet. So bleiben Fragen bis heute unbeantwortet. Wer hat mich damals "in die Pfanne gehauen", der neidische Nachbar, die Arbeitskollegen, ein Bordmitglied, das mich nicht leiden konnte oder gar meine eigene Frau? Fragen, die viele heute auch lieber nicht mehr stellen wollen, um des lieben Friedens willen. Außerdem gibt es genug aktuelle Probleme. Wozu das alte Thema da noch aufwärmen?
Willy Brandt prägte einmal den Satz: "Wer die Vergangenheit vergisst, wird krank an seiner Seele." Gerne erinnern wir uns an die schönen und lustigen Stunden an Bord, aber zu einem realistischen Rückblick gehört auch die Schattenseite der DDR-Seefahrt.
Einstmals streng geheime Akten, zum Glück noch vorhanden [2], zeigen heute den Abgrund der Boshaftigkeit, des kleinbürgerlichen Spießertums, des Neides, der Missgunst, der Hinterhältigkeit und Verlogenheit auf. Um es vorwegzunehmen, die Politfunktionäre breiteten den "roten Teppich" für jeden Denunzianten aus, Hauptsache die politische Zuverlässigkeit des Seemanns konnte "durchleuchtet" werden.
Nun werden viele wissen, dass so genannte "Abgrenzungsfragen" zum Westen eine große Rolle spielten. Auch die Tatsache, dass es anonyme Zuträger gab, wenn der Kontakt über Oma, ein paar Straßen weiter wohnend, aufrecht erhalten wurde, ist allgemein bekannt, aber darin erschöpfte sich die Überwachung nicht.
Die "lieben" Mitmenschen waren eine Macht und mussten sich vor keinem Seemann "Auge um Auge, Zahn um Zahn" rechtfertigen. Sie "tuschelten" den Politfunktionären ganz freiwillig wirklich interessante Dinge ins Ohr. So unterstellten sie einem II. Nautischen Offizier eine "politisch verworrene und teilweise DDR feindliche Position". Er würde seine Tochter gar beeinflussen, in der Schule im Fach Russisch eine Fünf zu schreiben, welch ein Frevel. Damit wurde der Gen. D. "zum Unsicherheitsfaktor im grenzüberschreitenden Verkehr" und musste der Seefahrt "Ade" sagen. Einen LTO sperrten sie "zur eigenen Sicherheit" in der DDR weg und entzogen den Sichtvermerk, denn sein Bruder war ein so genannter "Republikflüchtling" und man mutmaßte, dass er den LTO gar verschleppen konnte, obwohl sich dieser linientreu von seinem engsten Verwandten "distanzierte". Was war man doch um die DDR-Bürger besorgt.
In den Akten [3] ist zu lesen, dass Lehrlingsbewerbungen abgelehnt wurden, weil es im Elternhaus zu "übermäßigem Alkoholgenuss" kam und die Mutter "häufige Männerbekanntschaften" hatte. Eine Ausbildung auf See blieb z. B. auch mit folgender Begründung verschlossen: "H. hat zum Elternhaus keine feste Bindung. Es gibt zwischen den Eltern oft Streitigkeiten, da sein Vater dem Alkohol sehr zuspricht." Die eigene vorbildliche Leistung des jugendlichen Bewerbers spielte dabei überhaupt keine Rolle.
Der Blick konnte gar nicht tief genug in die Privatsphäre der Seeleute gehen. So hielten sie zum Familienleben von Herrn S. fest: "Genn. B. gab folgenden Sachverhalt aus dem Heimatort zur Kenntnis: In der Familie S. gab es vor der Ehescheidung laufend Auseinandersetzungen, indem S. seine Ehefrau bedrohte. Nach der Ehescheidung gibt es weitere Auseinandersetzungen und Streit. S. will eine sowjetische Frau mit in die Wohnung der geschiedenen Eheleute aufnehmen. Diese Verhaltensweise führte zu der Schlussfolgerung, dass S. moralisch labil ist. (…) Beschluss: Streichung des Sichtvermerks."
Für die DSF [4] durfte jeder monatlich löhnen, aber die Aufnahme einer sowjetischen Frau führte zur Schlussfolgerung, "moralisch labil" zu sein. Das verstehe wer will. Die "lieben" Mitmenschen wussten wirklich alles. So ist zum Seemann L. festgehalten: "Es liegen Informationen vor, dass bei L. erneuter Verdacht zum ungesetzlichen Verlassen besteht. (…) Es wird eingeschätzt, dass seine 1979 geschlossene Ehe nur formellen Charakter trägt." Damit war die Seefahrt vorbei. "Es" hatte festgestellt, dass die Ehe nur ein Scheingeschäft war. Wie "Es" das wohl herausfand?
Liebesverhältnisse beäugten die heimlichen Aufpasser ganz besonders argwöhnisch. So heißt es in den Akten zu einem Schiffsoffizier: "K. unterhält Verbindungen zu einer Niederländerin (gemeinsames Kind). K. war im Besitz von Hetzschriften aus China. Entscheidung: (…) Streichung des Sichtvermerks beantragen." Es wird ein Rätsel bleiben, welche Schriften aus China in die Rubrik "Hetzschriften" kamen.
Dem Kochsmaat J. verordnete man gar eine Ehetherapie. Es ist aber anzuzweifeln, dass er selbst jemals davon erfuhr. In den Akten ist zu lesen: "Die Ehe ist ungefestigt. Er ist charakterlich sehr weich veranlagt. Seine fachlichen Leistungen werden als mäßig bezeichnet. Festlegung: Im Interesse seines Ehelebens wird ihm anheimgestellt, nicht weiter zur See zu fahren. Der Sichtvermerk bleibt abgelehnt." Niemand befragte den Koch, was er selbst wollte. Hinter vorgehaltener Hand stellten sie fest, dass seine Suppe nicht schmeckte, er ein "Weichei" war und es seiner Ehe auch viel besser bekommen würde, wenn Herr J. nun nicht mehr zur See fuhr. So einfach war das.
Der Blick in die Privatsphäre kannte keine Grenzen. Sie unterstellten ohne Rechtfertigungszwang, dass Seeleute homosexuell veranlagt waren, Liebesverhältnisse im Ausland hatten und die DDR damit nicht mehr würdig vertreten würden.
Die Akten belegen aber auch, dass die heimlichen Aufpasser ein großes Ohr für die Rachegelüste betrogener Ehefrauen oder anderer Familienangehörigen hatten. So ist zum Seemann J. zu lesen: "Aufgrund der Tatsache, dass die Ehefrau von J. die Information gab, dass ihr Mann sein Seefahrtsbuch dazu benutzt, um die Verwandtschaft in der BRD zu besuchen, wurde die Entscheidung getroffen, J. für den seeseitigen Einsatz zu sperren." Andreas R. wurde das Opfer seines Schwiegervaters. In der Protokollnotiz heißt es: "Durch den Schwiegervater des Genossen R. wurde über die Ehefrau bekannt, dass die Ehe zerrüttet ist. Das unmoralische Verhalten des Gen. R. kann nachweislich belegt werden."
Es waren ständig viele "liebe" Mitmenschen damit befasst, die familiäre Situation der Seeleute zu analysieren und wollte eine Ehefrau gar zeitweilig mit ihrem Ehemann (als Auszeichnung) auf eine Seereise gehen, so stand vor dem Erlebnis "Spaß auf See" wieder der "liebe" Mitmensch. Die Nachbarschaft war in der heimlichen Beurteilung nicht zimperlich. So genügte für die Ablehnung der Mitreise von Regina W. ein Satz: "Aufgrund des unmoralischen Verhaltens der Ehefrau wird der Antrag auf Mitreise abgelehnt." Zu einer anderen Frau ist zu lesen: "Frau M. wird im Wohngebiet politisch negativ und arrogant eingeschätzt." Für Heide S. hielten sie heimlich fest: "Die Genossin S. hat keine positive Haltung im Wohngebiet. Der Sohn (…) gehört zu den negativen Elementen im Wohngebiet und musste mehrfach polizeilich ermahnt und mit Ordnungsstrafen belegt werden."
Daneben konnten die Kollegen auf der Arbeitsstelle den Traum von einer schönen gemeinsamen Seereise platzen lassen. So schrieben sie zum Reiseanliegen von Frau K.: "In der Beurteilung aus dem Betrieb der Ehegattin sind Einschränkungen in Bezug auf ihre politische Haltung und Aktivität enthalten. Es bestehen Unklarheiten über Kontakte zur Großmutter des Gen. K."

Mit diesen Beispielen ist sicherlich deutlich geworden, dass es für DDR - Seeleute keinen Schutz der Privatsphäre gab. Alles drehte sich heimlich um die Frage, ob ein Seemann "politisch zuverlässig" war. Schließlich erhielt er mit dem Beruf die Möglichkeit, so genannte "Republikflucht" zu begehen. Die Diskussionen werden heute sehr einseitig auf die "Inoffiziellen Mitarbeiter" der Staatssicherheit geführt. Am Beispiel des Seemannsberufes zeigte sich, dass diese Blickrichtung viel zu eng gefasst ist. Erich Mielke regelte die Durchführung der "Sicherheitsüberprüfungen" für alle Berufsgruppen, die eine Tätigkeit hinter der Mauer ausüben wollten (z. B. auch Piloten), in einer "Geheimen Verschlusssache" [5] und natürlich schickte er dafür seine Spitzelkolonne in die Spur, aber das genügte nicht. Daneben gab es unter der Regie des Innenministers eine geheime Vorschrift zu so genannten "operativen Personenkontrollen" mit "zuverlässigen und verschwiegenen Auskunftspersonen [6] ". Die Hauptlast dieser Schnüffelaktionen hatte der ABV [7] zu tragen, der dann im Wohn- und Arbeitsumfeld zuverlässige Zuträger rekrutierte.

Die einstmals geheimen Vorschriften waren in den Vorgaben der Überprüfung wirklich gründlich. Politische Zuverlässigkeit eines DDR-Seemanns wurde nach folgenden Kriterien abgeprüft:

 

  • Bindung an die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR, Wertschätzung der sozialen Sicherheit, grundsätzliche Übereinstimmung persönlicher und gesellschaftlicher Interessen, Übereinschätzung von Wort und Tat;
  • Bindung an die Familie, an Verwandte und Freunde, an die berufliche Tätigkeit und das Arbeitskollektiv;
  • Persönlichkeitsmerkmale, die den Schluss zulassen, dass feindlich-negative Beeinflussungs-, und Korruptions- und Missbrauchsversuchen widerstanden wird;
  • Persönlichkeitseigenschaften, die erwarten lassen, dass zu verwandtschaftlichen u. a. privaten Verbindungen nach nichtsozialistischen Staaten bzw. Westberlin eine gefestigte positive Einstellung als Bürger der DDR eingenommen wird. (Dabei beachten: mögliche Einflüsse von Personen, die ungesetzlich oder durch Übersiedlung die DDR verlassen haben, mögliche berufliche Entwicklungs- und Verdienstmöglichkeiten bei Nichtrückkehr, Erlangen von Erbschaften u. a. Vermögenswerten im Ausland);
  • Bindung an vorhandene materielle Werte, wie Wohnungseinrichtungen, Fahrzeuge, Wochenendgrundstücke, Ersparnisse u. a. Vermögenswerte;
  • Bindung an ideelle Werte, wie gesellschaftliche Auszeichnungen und Anerkennungen, berufliche und familiäre Traditionen, Heimatverbundenheit u. dgl.

 

Alle "Inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit", aber daneben auch die "zuverlässigen und verschwiegenen Auskunftspersonen" im Wohn- und Arbeitsumfeld (ohne Verpflichtungserklärung), durften heimlich so ihren Eindruck wiedergeben, ob die Familie intakt war, das Wochenendhäuschen genügend wertgeschätzt wurde und ob der Seemann auch ja mit Stolz auf seinen gesellschaftlichen Orden blickte. Zeigte der Daumen der Zuträger und Denunzianten nach unten, so war es mit dem Seemannsberuf vorbei, völlig willkürlich, ohne Rechtfertigung und ohne Klageweg. Der Seemann konnte nur auf einen, damals von Mielke und Co. aber nicht gewollten Beistand hoffen, nämlich auf den einfachen menschlichen Anstand, den es zweifelsohne auch gab. Doch da, wo dieser Anstand fehlte, obsiegte die Willkür.

Diese dunkle Seite der DDR-Seefahrt darf nicht vergessen und vor allem nicht verharmlost werden. Das sind wir den Seeleuten schuldig, die willkürlich ein Berufsverbot bekamen und oftmals bis heute nicht wissen, welcher "liebe" Mitmensch das verursachte.

[1] Das Seefahrtsbuch war Paßersatz und bedurfte eines gültigen Sichtvermerks. Allerdings war öffentlich nicht zugänglich, nach welchen Kriterien dieser Sichtvermerk erteilt oder versagt wurde. Die Versagung musste nicht begründet werden.

[2]
Die gesichteten Akten in einem Panzerschrank wurden 1989 von couragierten Demonstranten gesichert und befinden sich heute im Stadtarchiv Rostock.

[3]
Weitergehende Darlegungen mit Quellenangabe siehe in: Heidrun Budde "Willkür! Die Schattenseite der DDR", Ingo Koch Verlag Rostock 2002, S. 396-470 (ISBN 3-935319-37-1), auch zu beziehen über die Landeszentrale für politische Bildung M-V Jägerweg 2 in 19053 Schwerin. Zum Beispiel ist belegt, daß ein Schiffsoffizier 1982 nur wegen des Abspielens des Liedes von Udo Lindenberg "Es fährt ein Sonderzug nach Pankow" seinen Beruf verlor.

[4]
DSF – Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Jeder wurde bedrängt, dieser Gesellschaft beitragspflichtig beizutreten.

[5]
GVS MfS 0008-14/82 Quelle: Bezirksverwaltung Rostock, Rep. 3, Nr. 2 Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Außenstelle Rostock.

[6]
Dienstvorschrift Nr. 031/77 des Ministers des Innern und Chefs der Deutschen Volkspolizei über die Durchführung von staatlichen und operativen Kontrollmaßnahmen – Personenkontrollvorschrift – "Vertrauliche Verschlußsache I 020 835"

[7]
Abschnittsbevollmächtigte – zuständiger Volkspolizist für ein Wohngebiet.