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Für immer verschollen Drucken

Zu dem recht unpopulären Datum 24.12.1974 mustere ich vertretungsweise auf MS GRÖDITZ an. Meine Frau kommt auch mit, nach Venezuela Eisenerz holen am Orinoco.

Der Kapitän ist von der ganz alten Sorte und navigierte schon im II. Weltkrieg. Nach Navigation der alten Schule ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten auf dem Erdball der Grosskreis.
Diese Tatsache ändert auch kein Wetter!
Leider!
Also malt Kapitän Blei nach dem Passieren von Lands End den Kurs nach Venezuela 100 Seemeilen nördlich der Azoren in den grossen Übersegler.
Drei Nautiker und ich reissen im Kartenraum die Hände hoch.
Zum Jahreswechsel verbiegt sich das sehr flexible Russenschiff in der himmelhohen See des Nordatlantik.
Als ich den Achtermast besteige, weil die Decca-Antenne ausgerauscht ist, bestaune ich die Statik des Schüttgutschiffes aus der Leningrader Baltischen Werft.
Während sich der Vormast 10 Grad nach Backbord neigt, verbiegt sich der achterste mit mir oben drauf nach Steuerbord.
Zwischendurch macht das Hauptdeck mal einen Buckel und gleich darauf wieder ein Hohlkreuz. Hocking und Sacking nennen das Tankerleute.
Wir ballern auf dem Weg nach Venezuela im hohen Norden an der Eiskante gegen eine himmelhohe See an. Weil meine Wetterkarten, mit ständigen Windstärken zwischen 9 und 12 unseren Kapitän nicht sonderlich beeindrucken, schiebe ich auch mal eine verkappte  Höhenwetterkarte von Halifax-Radio mit dazwischen, da sind noch ein paar Windfähnchen mehr an den Richtungspfeilen angeheftet.
Die in Wustrow ausgebildeten drei nautischen Offiziere schauen ausser nur auf die krumme Kurslinie auch noch auf die dort herrschenden Wetterverhältnisse.
So verfahren alle Schiffe unserer Reederei.
Deren Schiffspositionen dokumentieren das. Diese empfange ich täglich um 13.00 GMT und zeichne sie in ein Wetterkartenformular ein. Die gesamte Kuba-Versorgungsflotte der DSR navigiert an diesen stürmischen Wintertagen tief im Süden. Ein jeder macht dort gut Meilen.
Auf MS GRÖDITZ geht's nicht vorwärts. Das gesellschaftliche Leben ist längst erloschen.

Ich führe zwar meine Gattin am Mann, die kenne ich seit Tagen nur waagerecht aber dennoch ohne jeglichen Gebrauchswert.
So nächtige ich auf meiner Backskiste quer zur Kurslinie. Hier habe ich das Gefühl, schräg in der Koje zu stehen und 11 Sekunden danach mich an einem halbfertigen Kopfstand zu versuchen.

Mit einer handfesten Verspätung kreuzen wir den Passat und erreichen die Rossbreiten. Die geöffneten eisernen Aussenschotten beenden den hermetischen Verschlusszustand. Ein lindes Lüftchen spült den herb männlichen Duft aus dem Tempel.
Frühlingserwachen!
Die Decksgang stellt ihre selbstgefertigten Gartenmöbel an Deck und zwei Kästen Hafenbräu als Feierabendbier auf die Designer-Back aus ungehobeltem Stauholz.
Als nach Sonnenuntergang alle Flaschen lenz zeigen, beauftragt der Bootsmann den jüngsten Matrosen Örni mit dem Verstauen von Tisch und Bänken. "Kommst dann in meine Kammer, da gibt's noch einen" beschliesst der Bootsmann.
Örni aber kommt nicht!
Seine Kollegen wollen ihn holen und finden ihn nicht. Die Decksgang schwärmt aus, Örni soll sich nicht aus dem Kollektiv ausschliessen!
Nach einer Stunde haben sie ihn noch nicht aufgestöbert.
Der Bootsmann kommt auf die Brücke.
Der Dampfer geht auf Stopp und die Decksbeleuchtung an. Nach einer allgemeinen Mobilmachung krempelt die gesamte Besatzung erfolglos das Schiff um.
Das geht jetzt auf Gegenkurs, mit allen verfügbaren Lichtquellen und Augen, die die Dunkelheit durchbohren und Ohren die auf Örnis Rufe hoffen.
Ich verbreite eine Dringlichkeitsmeldung und bitte: "ships in the vicinity please keep sharp look out!"
Nur ist in diesem dünn besiedelten Seegebiet niemand in "vicinity". Nur ein Schiff reagiert auf unser Hilfeersuchen, in 380 Seemeilen Entfernung!

Örni war ein lebenslustiger junger Mann. Als frisch ernannter Vollmatrose hat er sich gerade ein Motorrad gekauft. Bei der Arbeitskräftelenkung bat er (im Gegensatz zu mir) um die Teilnahme an dieser Reise und verschob seinen Urlaub.
Da das Schiff bisher mit ihm ständig nur nach Murmansk fuhr, versprach sich Örni was von Venezuela.
Das Schiff suchte die ganze Nacht und den darauf folgenden Tag.
Der Matrose bleibt bis heute verschollen und niemand kann sich vorstellen, auf welche mysteriöse Art er das Schiff verlassen hat.
Nun kommt für den Rest der Reise erst recht keine Stimmung mehr auf.

Ein behördlicher Kurzbesuch nach Einlaufen in Rostock brachte natürlich auch kein Licht in diese tragische nebulöse Angelegenheit.