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Schillers Bürgschaft – maritim bearbeitet Drucken

Deck gegen Maschine ist schon häufig strapazierter Gesprächsstoff der an Bord, der während des ereignislosen Seetörns ständig am brodeln gehalten wird. Aber wie "Icke" im Forum auch bemerkt, das Bordklima hat darunter nie gelitten.

Im Gegenteil finde ich, der eine oder andere Gag über die mehr oder wenig wichtigere oder unwichtigere Tätigkeit des Kumpels aus dem anderen Ressort, wird doch nur in seltenen Fällen absolut ernst genommen.
Meist erheiterten die Frotzeleien die Truppe nur.
Ernsthafter waren da schon einmal Zwistigkeiten mit dem Arbeitskollegen aus dem eigenen Ressort. Weil logischerweise hier Reibungsmöglichkeiten nicht nur aus dem gegenseitigen Verstehen, sondern auch aus dem gemeinsamen Aufgabengebiet erwachsen können.
Gelegentlich fühlten sich die Maschinenleute von unser aller Vorgesetzten vernachlässigt, da dessen Herz schon aus seiner Herkunft begründet, wohl ein wenig lauter für Deck und Nautik schlägt, als für die sieben Mal versiegelte Maschinenanlage.
Auch mein Ressort war für Aussenstehende schlecht durchschaubar. Das hat mich aber weniger erfreut als verärgert. Nur wer durchsieht, versteht auch des anderen Probleme!

Auf Tanker HEINERSDORF trinken der II. Nautische Offizier "Ecki" mit "Me" - seinem Pendant aus dem Keller - nach 4.00 Uhr allmorgendlich, in ihren wechselnden Behausungen ihr "Wachbier". Sie bilden im trauten Einvernehmen ein starkes Team.
Der Tanker liegt bei Hansamatex in Hamburg-Wilhelmsburg zur Tank-Cleaning.
Ich schlafe auf der recht ordentlich gefüllten Handgeldkasse.
Auf den langen Tankerreisen, mit unattraktiven Ladehäfen, summierten sich die Handgeldansprüche.
"Ecki" und "Me" gelüstet es nach der Reeperbahn.
"Hier werden "Schweinefilme" gezeigt" prangt schockfarben über einem Kellerkino!
Nanu!? Pornos sind im prüden Deutschland noch verboten. In unserem "Heimathafen" Göteborg kann damit jeder seinen Bedarf decken.
In dem Kellerkino der Reeperbahn wird dem interessierten Besucher ein tiefer Einblick in die Schweinehaltung gewährt. Ferkelaufzucht, Fütterung, Ringel-Schwänzchen kupieren, Mästen!
Der Elblotse klärte uns über diesen Nepp auf.
Darin ist die Reeperbahn weltweit der absolute Marktführer!

"Me" und "Ecki" sind keine heurigen Hasen.
"Wir lassen uns von denen nicht anscheissen!" nehmen sich beide fest vor! So um die 100 DM wertvolle Valuta, gedenkt ein jeder zur Erbauung und Freizeitgestaltung in's Geschäft zu stecken.
Die Getränkekarte, die massgeblich dazu beitrug, sich für diese Amüsierstätte zu entscheiden, bietet einigermassen akzeptable Konditionen.
Des morgens in der frühe, hatten sich beide an die Oberkante ihres gesetzten Limits herangezecht. Die beiden fröhlichen Zecher verlangen nach der Rechnung und vor dem langen Heimweg gehen beide sicherheitshalber noch einmal gemeinschaftlich lenzen.

Zurückgekehrt erstarren sie zur Salzsäule. So um die 600 wertvolle Valuta kostet ihr Freizeitvergnügen. Die Preise auf der Rechnung für die einzeln aufgeschlüsselten Posten korrespondieren durchaus mit den dafür ausgewiesenen der Getränkekarte.
Dieser Nepp-Laden legt eine Niedrigpreis-Karte zum zügigen Bestellen aus und hat dann eine völlig Deckungsgleiche, nach der der Gast die Zeche zu begleichen hat.

Onkel "Me" erwischt es härter: "So, der bleibt hier und du ziehst los und besorgst Geld.
Erst wenn du zurück bist, lassen wir deinen Kumpel laufen. Also zisch los!" Mehrere gut gebaute Bedienstete des Etablissements unterstreichen die Ernsthaftigkeit dieses Begehrens.

Die deutsch-deutsche Version von Schillers Bürgschaft geht hier über die Bühne.

Der zu Tode betrübte "Ecki" erfreut den Taxichauffeur. Von Altona nach Wilhelmsburg und zurück, und mit dem freigekauften "Me" noch einmal zum Schiff, da rappelt das Taxometer, zumal dort ja im Getriebe auch noch das grössere Zahnrad für "Unkundige dieses Milieus" eingerückt wurde.

Des morgens nach 04.00 Uhr zupft einer an meinem Nachtgewand. "Felix, ich brauche Geld, viel Geld!"
Da er und "Me", wie alle meine Kostgänger, im finanztechnisch attraktiven Hamburg auch ziemlich im Soll stehen, druckst Ecki noch herum, die Summe zu benennen. Zeit zum langen Lamentieren hat er aber auch nicht, vor der Gangway dreht das grosse Zahnrad die Zahlenkolonne im Taxometer weiter.
"Schnell, Felix, 500 DM, das kann ich dir erst morgen erklären, "Me" sitzt auf der Reeperbahn fest!"
Eckis körperliche Konstitution unterstreicht den Ernst der Situation.

Er hastet mit 500 DM zu seinem Taxi hinab.

Freundschaft und Vertrauen sind auf eine äusserst riskante Probe gestellt.
Was ich jetzt mache, wäre Sache des Maklers, aber parallel dazu hätte diese in Rostock auch ihre Interessenten gefunden.
Dann hätten wir höchstwahrscheinlich die Abmusterung der beiden bedauern dürfen.
Beim "Kadergespräch" am nächsten Mittag, kommen Kapitän Hagen Uloth, die beiden Missetäter und ich überein, das Manko in meiner Devisenkasse zum Irak, nach Göteborg und noch ein wenig hin- und herzufahren.

"Und zügelt ja eure Urlaubsgelüste" lege ich den beiden Geneppten noch ans Herz.

Die ausgezahlte Summe nebst Unterschriften wies meine Auszahlungsliste natürlich nicht aus und die Herren "Übertrag" und "Gesamt" wurden auch erst später zugefügt.
In Rostock passten wir zum Glück nicht hinein!
Sollte es hart auf hart kommen, hätten wir zusammenlegen müssen und das auch getan!

Später bekamen Hagen und ich dann mal heftig einen auf den Deckel, weil wir Handgeldansprüche nicht in kanakeranischen Seltsamwährungen auszahlten, sondern Schwedenkronen aus Göteborg in der Devisenschatulle mitführten.

Freundschaft, Verlässlichkeit und Mut zum Risiko, eine spezifische Rarität, die nur aus der Beschaffenheit unserer Heuer erwuchs; und bei den beiden armen Wichten aus der Geldgeilheit der Ganoven auf der Reeperbahn.