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Die Wurmtherapie Drucken

MS JOHN BRINCKMAN im Sommer 1966. Das Schiff versegelt von Conakry nach Benti, um dort im guinesischen Urwald auch noch ein paar Büschel Bananen abzuholen.
Viel werden es wieder nicht sein, sicher ausreichend für den Eigenbedarf..
Kapitän Düerkop und ich, als sein Leib- und Magenfunker, fahren auf dieser Route schon vier Jahre und wohl schon zum 20igsten Male in das landschaftlich sehr schön gelegene Susu-Dörfchen am Ufer des Melacoré.

 

Kapitän Düerkop ist dieses Mal nicht zugegen. Er wird durch einen anderen Kapitän, hauptberuflich Leiter eines maritimen Amtes, vertreten. So können beide Kapitäne Urlaub machen.
1958 hat sich die einstmalige französische Kolonie von Frankreich abgenabelt und gammelt nun als "Revolutionäre Republik Guinea" vor sich hin und eine Handvoll Revolutionäre lehnen sich entspannt zurück und verbraten genüsslich die Wirtschaftshilfe.
Auf den verstaatlichten Feldern vermickern die Bananen und von Jahr zu Jahr werden die Erlöse immer kleiner, mit denen Ahmed Secou Touré versprach, die mit unseren Schiffen pausenlos nach Conakry gekarrten Geschenke auch zu bezahlen. Auf den Bananenplantagen rund um Benti kämpfen noch drei verbliebene französische Pflanzer um brauchbare Erträge und vor allem, auch um deren gelegentliche Bezahlung.
Unser Kapitän, Chiefmate Alfred Zimdarß  und ich sind bei Monsieur Morro zum Abendessen eingeladen. Ich war dort schon oft. Unser Kapitän ist neu hier in dieser Gegend und zeigt sich stark beeindruckt.
Der Pflanzer bewohnt ganz urig ein Steinhaus an der Urwaldkante. Ein Boy kocht für ihn und dem hat er gerade für 30.000 guinesische Franc die Ehefrau abgekauft. Für den jungen Susu-Mann ein Vermögen, für den Franzosen noch nicht einmal die Eintrittskarte ins Moulin Rouge.
Wir hocken beim hellen Schein der Benzinlampen im rustikalen Ambiente und in handgefertigten Sitzmöbeln. Deren Gestell ist edelstes Tropenholz, was sonst, die Polster aber nur grobe Jute und wohl mit Reisstroh gefüllt. Monsieur Morro spricht, wie alle Franzosen, am liebsten französisch. Alfred und ich kommen mit jedem weiteren Glas Bastis immer besser damit klar. Unser Kapitän mittlerweile auch, fällt aber häufig ins Plattdeutsche zurück und dann auch noch aus seinem Sitzmöbel. Die Chaise ist zusammengekracht.
Monsieur Morro entschuldigt sich: "Excuisé, cela est sans technique". "Ja, ja" secht uns Cavtein "is tausamen geknickt!"
Nach dem Abebben der Heiterkeitsausbrüche, parlieren und vertellen wir weiter. Morro erzählt uns die neuesten Buschereignisse.
Für tiefgründige Diskussionen über Politik, Farbfernsehen, Stromsperre oder das Wechseln der Winterreifen fehlten hier im Urwald zum einen die Themen und zum anderen uns dafür hochgestochene französische Vokabeln.

Die Kollegen Neger haben wieder Palmwein hergestellt. Ah ja, als Ehrenbürger des Dorfes kenne ich das ausgeklügelte Produktionsgeheimnis. Der sportlichste Weinverehrer klettert auf eine kräftige Palme, lehnt sich oben vertrauensvoll in seinen fusseligen "Sicherheitsgurt" zurück und bohrt mit der Brustleier unter dem Ansatz der Wedel ein Loch in den Stamm. Darunter hängt er die Halbschale einer Kalebasse. In dieser sammelt sich der ausfließende Saft des Baumes. Bei der Affenhitze beginnt der auch bald mit der alkoholischen Gärung.
Das spricht sich per Flüsterpropaganda in der Vogelwelt dieses Areals herum.
Somit sitzen nach dem Reifeprozess dieses Federweissen Piepmätze der verschiedensten Couleur auf dem Rand des Gärbottichs  und gönnen sich einen berauschenden Drink. So ab und zu fällt dann so ein Trunkenbold bezecht vom Stängel und unten dem Winzer in die Hände. Mitleidig befreit der den Vogel von seinem schweren Kopf. (Durch eine volle Umdrehung des selben.)
Schließlich wird der Cocktail auch wieder herab geholt und zur ornithologischen Jahreshauptversammlung kreist im Jagdkollektiv die Kalebasse.
In der Religion der Muselmänner sind aber Messwein-Rituale eher verpönt. Es empfiehlt sich, auf den Einbruch der Dunkelheit zu warten, wegen der damit verbundenen Sichtverschlechterung für Allah.
Ich habe Reisen zuvor das Zeug auch getrunken, nach dem ersten Schluck aber höflicherweise auf Nachschlag verzichtet. Als Somelier  würde ich sagen: Farbe, weißlich durchscheinend, abgerundetes Buket, vollmundig, mit schwach ausgeprägten Tanninen, aber sehr langem Abgang. Charakteristisch das Aroma von frischem Guano.

Wir lachen, plaudern und radebrechen, mit Händen, Füßen und mit der Mütze in Maitre Morros Rustikaltempel. Der Boy hat inzwischen das Abendessen gerichtet. Sensible Gourmets lassen sich die Rezepte besser nicht bis ins Detail erläutern. Das brächte auch nichts, da derartige Dschungelraritäten nicht einmal im KdW und nicht bei Feinkost Kattus erhältlich wären, na und im Dorfkonsum schon gar nicht!
Auf einem kleinen Tellerchen liegt ein kleines Häufchen ganz fein zerhacktes Grünzeug, darum bildet sich eine Lache aus frischem Saft. Insider wissen es: rauchende Schwefelsäure erschiene den Geschmacksknospen als Kamillentee bei einem evtl. Nachspülen nach dem Genuss von diesem Gemüsesaft. Der ist frisch gepresst und  stammt von den aller hintertückischsten Chillischoten von der ganzen Welt
Generell hinter jeder Hütte im Dorf wächst so ein Busch. Die Susu wehren sich mittels dieser Schoten gegen die Wurmkrankheiten. Weil man mich hinterhältig damit anscheißen wollte, habe ich die auch verzehrt - aber im Ganzen verschluckt!
Danach rennt die gesamte Wurmpopulation mit erhobenen Händen ins Freie. Beim Kacken zeigt sich leichtes Elmsfeuer am Abzwackmuskel, nach dem Genuss von zwei dieser Schoten ist Wetterleuchten in der Kloschüssel.
Danach Händewaschen nicht vergessen, sonst brennt es nach evtl. Schmierinfektion auch noch in den Augen! (Das müssen nicht immer die eigenen sein!)

Unser Kapitän erkundigt sich nach dem Grünzeug, das so sparsam gereicht wird und vermutet daher eine ganz kostbare Rarität. Ich erläutere ihm, dass das äußerst vitaminhaltige Gemüse hier so gehandhabt wird, wie bei uns im Frühling frischer Schnittlauch auf der Butterbemme. Außerdem sei es das reinste Wundermittel gegen Wurmbefall.
Ob nun wegen der Vitamine oder der Würmer, unser Kapitän fährt mit dem breiten, altmodisch-runden Messer in das kleine Häufchen, da verbleibt nur noch der Saft auf der Untertasse und das feingehackte Grün komplett auf seiner kleinen Baguette-Scheibe. Der Hungrige kaut immerhin zweimal nach Backbord und nach Steuerbord. Dann hält er inne und verfällt kurz darauf in Schnappatmung. Hyperventilierend und auch mit den Armen luftholend, keucht er rachelüstern und schwerverständlich unter kullernden Tränen: "Jungs, das ist gut, das müsst ihr essen!" Aber davon ist gar nichts mehr da, unser Kapitän auch nicht. Der dreht draußen in finsterer Nacht keuchend, hustend und spuckend einige Runden um die Hazienda und hat bei diesem Getöse wenigsten die Gewähr, dass er nicht noch einer flüchtenden Mamba dabei auf den Schwanz tritt.