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Ein viertel Pfund Gold schlittert die Pier entlang Drucken

Der Beitrag in Bordgeschichten VIII von Willi Miksch hat mich beeindruckt. Ziemlich cool beschreibt der Autor, wie Tanker SCHWARZHEIDE mit 13000 Tonnen Crude Oil vor Borkum von Rasmus ganz arg gefleddert wird. Die beigefügten Fotos sind beeindruckend.

Zehn Jahre habe ich auf Tankern meine Wellen ausgebreitet. Auf ZEITZ rief des nachtens der Kapitän zum Lecksicherungsmanöver. Sämtliche Assi-Kammern waren schon geflutet.
Der II. E-Mix bewahrte noch tagelang Seewasser in seiner dichtgequollenen Backskiste auf. Er hätte darin Shrimps oder Sprotten züchten können. Auf WOLFEN wurde der Einstieg ins Kabelgatt zerdroschen und HEINERSDORF zerriss vor Ras Gharib im Sandsturm sämtliche Leinen zu den Festmachertonnen. Mit Teilen des abgefetzten Ladeschlauchs wollte sich der Tanker, den günstigen Wind ausnutzend, nach Sinai zu den Israelis durchschlagen. Der mooring master und Lotse jammerte "only good can help us". Kapitän Uloth stellte den Herrn in die Ecke, empfahl ihm, sich still zu verhalten und fuhr die grosse Kiste wieder zurück an seinen Platz.

Als ich die Schilderungen von Chief Miksch las, tauten diese Erinnerungen wieder auf. Gleichsam mein damals schon gehegter Zweifel "ein Tanker schwimmt auf seiner Ladung". Die crew der zerfledderten SCHWARZHEIDE, damals in der tosenden Nordsee, wird sicher auch diesen Gedanken nachgegangen sein. Zum Glück hat sie aber diese Hypothese im physikalischen Experiment nicht praxisnahe widerlegt.  
Das war der BÖHLEN beschieden.
Die Crew und der Kapitän der SCHWARZHEIDE haben sich nach Rostock durchgeschlagen.
Lt. Willi Miksch spricht die Besatzung in gewisser Hochachtung von ihrem "Kommandanten" dem "Ritterkreuzträger".
Genau in dieser Achtung ist mir Kapitän P. auch im Gedächtnis geblieben.
Nicht unbedingt wegen seines Ordens, sondern wegen seiner Kompetenz, seines Auftretens und seinen umgänglichen Führungsqualitäten.

Vertretungsweise schickt die Reederei Kapitän P. und mich mit MS LEIPZIG für einen Monat im Spätherbst 1961 nach Danzig.

 

schwimmbuch

 

Der III. Offizier Fiete K. hat ein Patent so um A 2,5 herum, aber wesentlich weniger Ahnung, als man hinter dieser Qualifikation erhoffen könnte. Ich kenne ihn von meiner Praktikumsreise auf dem "Thälmann-Pionier".
In der Finsternis stellt Fiete bei der Peilung des Leuchtturms der Greifwalder Oi fest, dass diese kleine Insel samt Leuchtturm vertrieben ist. Sie befindet sich nicht dort, wo es dem eingezeichneten Kurs auf der Seekarte dienlich wäre. Ich fertige eine Funkpeilung aus drei Feuern an.
Fiete unterrichtet den Kapitän von dem "driftig lighthouse". Kapitän P. kommt auf die Brücke, fährt als erstes eine heftige Kursänderung und danach alleinverantwortlich und eigenhändig die LEIPZIG bis nach Danzig.
Auch der rothaarige chief mate Hein P. ist etwas gewöhnungsbedürftig.
Kapitän P. und ich, als die beiden Neuen fühlen uns auf dem Dampfer nicht sonderlich wohl.

In Danzig hat es Ende November bereits geschneit geschneit.
Der Alte und ich machen an der Pier eine Schneeballschlacht.
Da kommen mir nach vorherigem Einzelfeuer plötzlich zwei Geschosse im Simultanflug entgegen. Ein helles und ein dunkles. "Beschiesst der mich jetzt mit ner Zwillingsflak" denke ich und weiche geschmeidig den beiden Geschossen aus. Das weisse Objekt zerplatzt hinter mir auf der Pier, das dunkle aber schlittert auf der festgefahrenen glatten Firndecke noch viele Meter die Pier entlang. Mein Sparringspartner erstarrt wie Loth's Weib zur Salzsäule. Dann rennt er los und ich hinter ihm her.
Etwa 50 cm vor der Kaikante liegen ein viertel Pfund pures Gold, als Hülle für ein Schweizer Präzisionsuhrwerk.
"Ich hätte einen Taucher geholt" sagt der Kapitän, dessen Gesicht langsam wieder die ursprüngliche, gepflegte Gesichtsfarbe annimmt. Erleichtert streift er das goldene Gliederarmband über.

Ob dieses glücklichen Umstandes zischen wir beiden Outsider abends einen.
Kapitän P. erklärt mir den bemerkenswerten Mythos dieser sehr auffälligen Armbanduhr. Wohl jeder der unter diesem Kapitän gedient hat, kennt dieses Wertstück. Aber wohl nur wenige dessen Lebenslauf.

"Ich habe (neunzehnhundertpaarundvierzig?) aus der Werft als Kommandant U4711 (?) übernommen, das U-Boot BASEL", beginnt Kapitän P. seine Erläuterungen. "Unsere Patenstadt Basel lud die gesamte Besatzung des Bootes zum Patenschaftsbesuch ein. Ein jeder bekam, abhängig von seiner Funktion eine wertvolle Uhr geschenkt. Der Kommandant demzufolge das wertvollste Stück. Gehäuse und Gliederarmband massives 800er Gold!"
Darauf nehmen wir erst mal wieder einen Schluck und besonders darauf, dass sie weiterhin an seinem Arm tickt und nicht unter unserem Schiff.
Mein Kapitän und seine teure Uhr müssen recht gut über die Gefangenschaft gekommen sein. Meinem Vater haben die Russen in der Gefangenschaft wegen der eingearbeiteten Goldzähne das Gebiss weggenommen und uns Flüchtlingen im offenen Güterwaggon im Mai 1945 mehrmals den Inhalt sämtliche Koffer auf einem Haufen gekippt. Danach den Inhalt verschiedener Besitzer ordentlich durchgerührt. Da hatte keine "Uhri", kein Schmuckstück oder Taschenmesser eine Chance, seinen Besitzer weiterhin zu zieren.
Ich nehme das den sowjetischen Freunden nicht mehr übel, nur den DDR-Geschichtsfälschern, die die Rote Armee noch vor der Heilsarmee einordneten.
Die deutschen Okkupanten auf ihrem Rückzug haben nicht geplündert, die haben die ganze Hütte angesteckt!
In Danzig läuft ein Schiff ein, Heimathafen Elsfleth. Das Deck mit Schnittholz bis zur Höhe der Brückenfenster zugestaut. Mit einer imposanten Schlagseite hat es sich von Archangels mit letzter Mühe nach Danzig durchgeschlagen.
Unter den funkmässigen Einzelkämpfern auf den Schiffen hat sich weltweit eine besondere Funkkameradschaft herausgebildet. Oft haben wir uns während der Überfahrt schon auf der Welle hämmern hören oder uns gegenseitig mal mit einem verpassten Wetterbericht ausgeholfen.
Ich besuche den "Westgermanen" aus Elsfleth und melde mich bei der Gangwaywache: "Tach, ich bin der Funkoffizier der LEIPZIG dort drüben und würde gerne meinen Kollegen hier besuchen." "Ihr Kollege hier ist weiblich, Anna-Maria E. Bitte, gehen sie doch hoch". Ein hübsches schwarz-langhaariges Mädchen freut sich über meinen Besuch und wir tauschen angeregt gesamtdeutsches Gedankengut aus.
Sie stellt mich auch dem Kapitän vor.
Am nächsten Tag werde ich auf dem Schiff zum Abendessen eingeladen. Neben dem Kapitän, dem Chief, Anna-Maria und mir sind noch der Konsul nebst Gattin zugegen. In sehr angenehmer Atmosphäre geniesse ich jetzt einmal andersartige deutsche Bordverpflegung.
Im Gegenzug lade ich die drei Offiziere des Schiffes morgen auf die LEIPZIG ein. (Bei dem bundesdeutschen Konsul halte ich mich dabei zurück und entschuldige mich dafür. Der Herr zeigt dafür vollstes Verständnis.)
Bei den beigefügten Worten: "Unser Kapitän ist ein umgänglicher Mensch, der wird sich sicher über Ihren Besuch freuen", bin ich mir nicht so ganz sicher, ob ich mich jetzt nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt habe.
Die beiden Herren und Anna-Maria kommen gegen 19.00 Uhr.
Kapitän P. ist an Land.
Ich sage bei der Gangway-Wache bescheid, den Kapitän bei seinem Erscheinen zu bitten, bei mir oben reinzuschauen.
Gegen 21.00 Uhr steht Kapitän P. in meiner Kammertür. 1.80 gross, schlank, Anzug, Krawatte, gepflegte drahtige Erscheinung.
Wir Herren stehen auf.
Ich ergreife das Wort und komme nur bis: "Darf ich bekannt machen, Kap…..",da legt mein Kapitän los: "Wir kennen uns doch, gib mal Stichwort... La Rochelle, Brest??" Die beiden Kapitäne hauen sich bärisch auf die nun nicht mehr vorhandenen Schulterstücke.
Fürs erste ziehen wir ein Deck tiefer zum Alten in die Suite. Sein Valuta-Reprä-bestückter Kühlschrank bildet jetzt einen gediegeneren Rahmen für das Ding, was jetzt hier abgeht.
Nachdem die beiden Kapitäne mit samt ihren Rückennummern, Erkennungsmarken und Einheiten nebst ihren Kampfblechen bis ins Detail nun fertig sind mit sich wieder erkennen, kommt schon bald raus, dass der Chief mit seinen technischen Truppenteilen auf dem U-Boot von KaLeu P. den Schnorchel eingebaut hat. Und weil der auch immer richtig zur vollsten Zufriedenheit geschnorchelt hat, wurde darauf auch noch einmal angestossen.

Da ich mich mit meiner nicht ganz befugten Einladung nun doch nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte, lehnte ich mich mit Anna-Maria auf dem Ecksofa entspannt zurück.
In Vernachlässigung der proletarischen Wachsamkeit hatte es für die Reise in das benachbarte Bruderland  der 5. Stock versäumt, uns einen "Popen" auf's Auge zu drücken.
Ein fataler Fehler.
"Fehler wurde auch gemacht", vernahm ich letztens ganz zaghaft hinter dem immer noch lautem Quietschen der führenden Rolle der Partei.

Wir beide von der Nachrichtenabteilung hatten, wie damals die "Bismarck" in einer vollen Breitseite einen Volltreffer gelandet.
Jetzt wurden hier, auf der LEIPZIG nochmals Seeschlachten geschlagen und wir beide durften als Pimpfe von der Klippe aus zusehen.
Je nach konträrer deutscher Leseart ging hier einerseits ein rauschendes "Kameradschaftstreffen" andererseits ein verwerfliches "Revanchistentreffen" über die Bühne.
Um diese Intimsphäre mit unserer Unbedarftheit und der Anwesenheit einer Dame nicht weiter zu  beeinflussen, zog ich mich mit Anna-Maria zu mir ins Obergeschoss zurück. Nun glotzte der Chiefmate Hein P. pausenlos bei mir rein. Er meinte wohl, den Totalausfall unseres Kapitäns ausgleichen zu müssen, um Moral und gute Sitten auf dem Schiff hoch zu halten. Maritim-volksmundlich schlichter K...-Neid.
(Er muss sich aber auch andersartig unbeliebt gemacht haben. Als er in Rostock einen Dromps Farbe vor dem Schiff in seinen PKW verlud, rief einer bei der Torkontrolle des Hafens an. Da waren sie ihn los!)

Ich begleite Anna-Maria zu ihrem Schiff, das nun auch wieder waagerecht getrimmt ist. Aus den Steuerbord-Bulleys auf dem Kapitänsdeck scheint das Licht bis hinein in's Morgengrauen.