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Ein Blutsbruder des Tuareg Drucken

Spätsommer 1965. MS JOHN BRINCKMAN geht auslaufend durch den Kiel-Kanal. Bei unserer dortigen Maklerei "ZERSSEN" interessiert sich ein Passagier für eine Mitreise. Der zahlt in wertvollen Valuta. Im DDR-Finanzministerium höchste Alarmstufe!


Ein ganz merkwürdiger Reisewilliger ist spontan mit schwerem Tropengepäck und dem Wunsch an den Makler herangetreten, er möchte per Schiff nach Guayana reisen. Durch das seltsame out-fit des Abenteurers ermutigt, lässt sich der Agent zu der spöttelnden Bemerkung herab, nach Guayana wäre so schnell ein Schiff nicht umzubeordern, aber in Richtung Guinea, da hätte er eins im Ärmel.
Uns, nämlich – Fruchtschiff  JOHN BRINCKMAN.
In Schleuse Holtenau setzt uns der Makler nun diesen Paradiesvogel ins Nest. Er keucht und schwitzt in seiner Korpulenz, als er mühsam das obere Gangway-Podest erklommen hat. Seinen gewaltigen Koffer ziert ein daran außen angebrachter Tropenhelm mit Gebrauchsspuren. Die Bagage trägt ihm unser Wachsmatrose in seine Kemenate.

Herr Knössel, Hans August Knössel aus Karlsruhe, dortiger Oberkommandierender der Gerichtsschreiber, geruht mit uns, ersatzweise nach Guinea zu reisen.
Herr Knössel ist um die 50, alleinstehend und betucht. Da seine Kiesgrube unerwartet dicht an eine neu zu bauende Autobahn herangerückt wurde, ist daraus eine Goldgrube geworden. Daraus macht er keinen Hehl und zeigt jedem, der sich gerne Westgeld anschaut, die zahlreichen Geldbündel, die er am Mann führt. Aus umfangreichen Reiseerfahrungen schöpfend, führt er generell nur Zehn-DM-Scheine mit sich, aber davon ganz viele.
Seinem Äußeren sieht man das nicht an, er hüllt seinen fülligen Körper in Flatterjeans, die von altmodischen Hosenträgern mit den V-förmigen Lederlaschen auf konstanter Höhe gehalten werden. Auch ist er ansonsten ziemlich schlampert und transpiriert genüsslich. Die Chefmieze betritt nur ungern die Passagierkammer.

Herr Knössel hat ein ziemlich kostenintensives Hobby. Dem zu frönen bereiste er schon 120 Prozent der Erdkugel. Auf über 100 Prozent der Erdoberfläche kennt er sich in der jeweils heimischen Fauna bis ins Detail aus. Aus diesen Ressourcen schöpft er auf seinen Ausflügen so viel ab, wie nur möglich. Die persönlich oder käuflich aufgebrachten seltenen Exemplare der Tierwelt schenkt er dann seinem Heimatzoo in Karlsruhe. Nicht so ganz selbstlos, ein Messingschild an der Tierbehausung im zoologischen Garten weist Herrn Hans August Knössel dann als Gönner und edlen Spender aus. Das stimmt ihn fröhlich und erfüllt ihn mit Stolz.
Für die weitere Vergrößerung der Artenvielfalt seines Zoos hat er sich nun auch auf dieser Reise so großzügig finanziell aufmunizioniert.
Das gilt auch für seine Bewaffnung.
Extra für die zu erwartende Großwildsafari hat er sich einen neuen Revolver und einen halben Zentner Munni zugelegt. Er lädt ein paar Besatzungsmitglieder zum Einschießen ein.
Wir hängen achtern an die Gösch einen Hempels-Farbdroms und ballern wechselweise los. Nur Fiete, NVA-Panzerkommandant und jetziger Storekeeper trifft auch aus der Entfernung und löchert das Behältnis. Herr Knössel trifft nicht, weil er gar nicht schießt. Er hat ganz einfach Angst vor seiner Wumme. Als Fiete sie ihm wieder gibt, fuchtelt er damit so lebensgefährlich herum, dass wir alle mit erhobenen Händen davon rennen.
Aus dem überreichen Fundus seiner Weltumrundungen schöpfend, weiß Herr Knössel viel zu berichten. Zum Glück speist er an der viersitzigen Kapitänsback und alle niederrangigen Offiziere in der O-Messe freuen sich, ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit, dass sie noch keine drei Ärmelstreifen tragen.
Eine seiner Weltumseglungen führte Herrn Knössel quer durch die Sahara.   
Obwohl er vor der Abenteuertour (ich weiß nicht mehr wie viel) englische Pfunde in Tobruk für ein Suchflugzeug hinterlegen musste, erwachte er aus tagelangem Koma im Iglu des obersten Tuareg-Scheichs in der Zentralsahara. Nach seiner Rückkehr aus der Unterwelt musste er zur Behebung der totalen Dehydrierung einen ganzen Eimer Wasser austrinken, d. h. auslöffeln. Die schöne Fatima, die älteste Tochter des Tuareg-Würdenträgers, überwachte konsequent die Therapie. Nur dadurch wurde dem längst Aufgegebenen das Leben wieder geschenkt.
Seither ist Herr Knössel mit dem Tuareg-Scheich durch eine innige Blutsbruderschaft auf Lebenszeit verbunden. Materiell anerkannt hat Herr Knössel seine Lebensrettung sehr großzügig.
Die Kinderlein des Scheichs bekamen auf Wunsch vom Pappi vom Blutsonkel eine Märklin Eisenbahn überwiesen.
Allen Zuhörenden steht vor Ergriffenheit der Mund offen. Nur Funker Felix kommentiert pietätlos: "Da muss Fathme aber mit einem Fahrraddynamo an der Kaffeemühle heftig kurbeln, wenn ihr Bruder Achmed im Wigwam eisenbahnern möchte."

Im warmen Seegebiet der Rossbreiten hat Herr Knössel die Flatterjeans am Hosenträger abgelascht und gegen Kolonial-Khaki getauscht. Sein abgelegtes Lieblingshemd vertreibt jetzt die Motten und zunehmend die Chefmieze aus der Kammer. An Deck erscheint er jetzt mit Tropenhelm und schwitzt unter dem Topf.

Dem Wachoffizier auf der Steuerbord-Brückennock will er gerade wieder eine spannende Reisebeschreibung angedeihen lassen, da muß dieser, zu dumm, auf die Backbord-Nock wechseln, um dort das 200 Seemeilen entfernte Feuer von Agadir terrestisch zu peilen.

Wir bändseln in Conakry unseren weißen Schwan an der Bananenpier und dem leeren Fruchtschuppen fest. Herr Knössel ist ganz juckig und hofft viele Tiere einzukaufen. Möglichst noch von bisher unentdeckter Art. Ich glaube mal, er geht mit diesem Anliegen seiner Botschaft maßlos auf die Ketten. Am dritten Tag wird ein Zwischenergebnis seiner Bemühungen angeliefert. Eine Königspython im Schuhkarton. Vor der Passagierskammer bestaunen wir das Reptil. Der Chiefmate meint, das wäre ja schon eine "Kaiserpython". Nur Funker Felix lästert: "Dieses Frühchen wurde wohl per Kaiserschnitt geboren. Die muss doch noch vom Muttertier gesäugt werden." Der stolze Herr Knössel meint, dass sein "Schlängle" schon gut auf eigenen Beinen stehen könne! Um das zu beurteilen, beugt er sich waghalsig aus der zweiten Reihe der Betrachter etwas näher zu dem Pappkarton. Meint dann aber, dass das "Schlängle" wegen der Klimaanlage bei nur 24° keinesfalls in seine Kammer einquartiert werden könne. Zimmermann Wolfermann beherbergt sie im Judentempel achtern in seiner warmen Werkstatt. Dort soll sie verbleiben, bis die weiteren zu erwartenden Tieranlieferungen zu Knössels Sammeltransport zusammengestellt werden. Das "Schlängle" bleibt Single. Als es für den postalischen Versand eingepackt werden soll, ist es ausgebüchst. Der Timming findet es nach langem Suchen unter Hobelspänen verstochen.
Herr Knössel gibt von außerhalb wertvolle Hinweise zum Aufgreifen des Ausreißers.
Die Decksgang verpackt die "Kaiserpython". Ganz kuschelig in feuchter Holzwolle und Luftlöchern im Schächtelchen. Eine Zigarrenkiste hätte noch genügend Auslauf geboten. Herr Knössel versendet die Ausbeute seiner Guinea-Reise an seinen Heimattierpark nach Karlsruhe.
"Wenn die nicht schon hier auf dem Postamt zum Brunch verzehrt wird, kommt die nach sechs Wochen in Karlsruhe an, wie ein überfahrener Regenwurm nach drei heißen Sommertagen." Aber wir wollen unseren glückseligen Passagier nicht die Freude verderben.

BentiAbends kommt Herr Reimann den Kapitän besuchen. Das macht er öfter. Herr Reimann fährt einen mondänen Geländewagen. Der Wachoffizier und ich stehen an Deck.
Herr Reimann trägt am ausgestreckten Arm einen Waran die Gangway hoch. Der ist ca. 80 cm lang aber nicht mehr lebig: "Den hab ich auf dem Herweg überfahren. Der ist aber noch gut beisammen. Habt ihr dafür Verwendung?"
"Und wie, meint der Second. Wir haben hier einen Tierfetischisten als Passagier. Den macht so was glücklich!"
Er deponiert das Reptil auf der Fußmatte vor Knössels Kammer. Der ist noch an Land in Sachen Viehzeugbeschaffung.
Um Mitternacht ist im Deck unter mir ein riesiger Tumult. Herr Knössel schreit, keift und kreischt. Kapitän Düerkop, der Chiefmate und ich eilen zum Katastropheneinsatz. Der Alte weiß von nischt.
Ich beschwichtige unseren Tiersachverständigen, dass dieses Monster auf der Fußmatte ein harmloser Waran und noch dazu mausetot sei.
Unser Passagier kann unmöglich seine Kammer betreten weil, so erläutert er in seinem Schlucht-Baden-Würthem-Schwäbisch:
"Woischt, da Waran, der hat a Gift, das erscht nach seim Tod ……" Ich schnappe die Echse am Schwanz, der mittlerweile beneidenswert steif ist und stelle sie seeseitig hochkant neben das Schiff. Die Hammerhaie freuen sich. Auf Wunsch muss ich auch noch die Fussmatte auswechseln. Der Chiefmate schiebt die seinige vor Knössels Kemenate. Ich äußere die Bedenken, dass mir jetzt wegen der toxische Kontamination evtl. die rechte Hand abfällt. Meine Tasthand (!) und füge hinzu: "Es wäre wohl besser, über die Post an Land nach Karlsruhe zu depeschieren, damit die dort schon mal den Tieflader klarmachen."

Der Alte faltet mich zusammen: "Funker Felix, Du hörst augenblicklich damit auf, Herrn Knössel zu verarschen, der ist zahlender Passagier!" Ich hätte ja jetzt losheulen können: "Das mit der Fußmatte war ich gar nicht."
Aber so tierisch ernst war dieser Befehl nun auch nicht gemeint, da lohnt sich Petzen nicht.
Mit ein paar angeladenen Tonnen Bananen versegeln wir nach Benti.
Ließe ich hier in dem Susu-Dörfchen meine Geschäftsbeziehungen aufleben, könnte ich locker für drei Flaschen WBS, (also für ca. zehn Ostmark) eine drei oder vier Meter lange Python beschaffen. Zwei Tage würde das aber auch dauern, der Urwald um Benti herum ist leergefressen. Python schmeckt recht ordentlich! Chiefmate Erbstößer und ich können das beeiden!
Zögerlich geht auch Herr Knössel an Land. Mit Tropenhelm, weit geschnittenem Khaki und massiven Docker-Schuhen. Sehr lange dauert es nicht, da ist er wieder zurück, behauptet aber, sich fast bis Capetown durchgeschlagen zu haben.
Auf dem Rückweg kam ihm dann beim Bananenschuppen, 30 Meter vor dem Schiff, ein gefährliches Schlangentier bedenklich nahe. Mitten in dem Trubel, zwischen nackten Kindern und ratternden Handkarren!?
Auf 46 Reisen in dieses Fahrtgebiet kreuzten drei Mambas meinen Weg. Herr Knössel braucht dafür nur eine Stunde.

Im Kiel-Kanal holt ihn der Makler wieder ab.
"Also, das war jetzt meine achte Weltreise, aber das kann ich Ihnen sagen …..", schallt es bis zur Brückennock zu uns herauf, als er unten an der Pier, während seines Abtransports, jetzt Herrn Zerssen die Taschen randvoll haut.