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Zerstörte Erinnerungen Drucken

Der Bananenjäger MS JOHN BRINCKMAN lädt in Nuevitas Citrusfrüchte für die Republik. Gleich neben der Pier in Puerto Taraffa beteiligt sich eine einstmals schöne Badeanstalt inzwischen auch am  landesüblichen Verfall. Auf dem Laufsteg fehlen fast alle Bretter und zwischen den nicht mehr so dicht gerammten Palmenstämmen durchschlüpfend, schaut schon mal ein stattlicher Baracuda zwischen den Badenden nach dem Rechten und dem Linken.


Ich führe auf dieser Reise meine Frau am Mann. Um ihr die reichhaltige Unterwasser-Fauna näher zu bringen, stülpe ich ihr meine Taucherbrille über und mache sie mit dem respektablen Baracuda bekannt, der standorttreu außerhalb der Palisaden seinen Claim verteidigt. Zahlreiche grüne und schwarze Seeigel versuchen bei Neulingen mit ihren langen Stacheln Eindruck zu schinden. Dwarslöpper, Seespinnen und kleine Rochen sind noch unterwegs, na ja und Fischchenschwärme sowieso.
Meine Gattin flüchtet auf die Luftmatratze, wiegt sich dort in der leichten Dünung und in Sicherheit. Das karibische Meer betritt sie so bald nicht wieder. Ich erschnorchele einen Seestern mit beweglichen schlanken Füßen, nicht die übliche Sorte aus dem spröden roten Kalk, sondern schön glibberig und sehr flexibel. Den lege ich diskret meiner über mir auf der Luftmatratze dahinschwabbelnden Gemahlin auf den nackten Bauch.
Sie ist dort kitzlig.
Der Seestern kommt mir sofort wieder entgegen, Luftblasen umwirbeln die Matratze, die nun zielstrebig dem Strand zustrebt.
Ab jetzt betritt meine Frau das karibischen Meer nur noch am Rand. An diesem sammelt sie emsig grüngepunktete Seeigel-Gehäuse, verschiedene Muschelschalen, Karosserieteile verschiedener Krustentiere und besonders schöne Kiesel.
Ein ganzes Handtuch voll karibischer Erinnerungen.
Wir bewohnen an Bord die recht noble Passagierkammer nebst Doppelbett. Hier werden die Erinnerungen in einer Bastschale aufbewahrt, die ansonsten ständig mit den schönen frischen Zitrusfrüchten unserer Ladung bestückt ist.
Das Schiff versegelt nach Havanna.
Dort werden wir von guten Bekannten freudig erwartet. Das Leipziger Ehepaar lehrt als Angestellte des Herder-Institutes an der Uni von Havanna den Studenten das Oxford-Spanisch. Mit ihrem tschitscheringrünen Wartburg holen uns die Leipziger abends an der Gangway ab.
Wir gönnen uns einen äußerst noblen Barbesuch im Sterne-Hotel "Rivera". Am Malecon gelegen ist das Kubas absoluter Nobel-Schuppen und nicht etwas das "Habana-Libre".
Meine Gattin hat nichts anzuziehen!
Höchstens das lange Dunkelblaue oder das kleine Schwarze. "Was meinst Du?" "Ist mir togal. Du siehst in beiden hinreißend aus!"
Typisch Mann. So manchem würde es, in die Ehejahre gekommen, noch nicht einmal auffallen, wenn die Gattin gelegentlich eine Gasmaske trägt.
Irgend etwas trägt meine Gattin sicher. Der Wartburg rollt vor die noble Freitreppe des "Rivera". Ein Livrierter stürzt herbei, reißt die Schotten auf und kommt dann sogar mit der hackeligen Lenkstockschaltung des Eisenacher Fabrikates klar. Er verstaut das Gefährt zwischen den betagten Ami-Kreuzern in der objekteigenen Garage.
Wir erleben einen wunderschönen Abend. Eine Zweigstelle des Tropicana-Baletts sorgt für die Kulturbeiträge.
Die Außenanlagen des Hotels sind ansprechend begrünt. An den Palmen, deren Stämme aus Beton gegossen scheinen, ranken sich meterlange Grünpflanzen empor. Sie ähneln ganz stark den Rankengewächsen, die in Ermangelung lukrativeren Grünzeugs, in vielen Wohnzimmern zu Hause die Leitern der Anbauwand Sibille umwinden. Nur hier, in dem herrlichen Karibenklima, werden die Blätter der Philodendron scandens so groß wie an Kürbisranken.
Von dieser üppigen Rarität zwackt sich meine Gattin kräftige Absenker ab und verleitet auch mich zur Beschaffungskriminalität. Wenn wir das Gewächs für ein Leben in der DDR überreden können, eine weitere schöne Erinnerung an kubanische Zeiten.
Mit diesen weiteren Errungenschaften kehren wir nach Mitternacht an Bord zurück. Die erbeutete Flora wird in einer großen Blechpütz gewässert, auf dass sie schnell bewurzele.
Einen Kaffee könnte man so angezecht noch gebrauchen. Eine unangebrochene "First-Class"-Büchse steht im Spind. Ich gehe die frischen Bohnen in der Pantry malen. Nach dem Kaffee und dem Abhören von Rügen-Radio nächtigen wir spontan in meiner Kammer auf dem Brückendeck.
Am nächsten Tag, späten nachmittags wird "klar vorn und achter" geblasen. Plötzlich aber wieder abgeblasen, drei Stunden Verschiebung.
Unser väterlicher Kapitän Düerkop nimmt uns das "Pionier-Ehrenwort" ab, dass wir termingerecht zurück sind und lässt uns noch auf einen Schluck vor das Hafentor.
In der stockfinsteren "La Grotta" kann man sich einen herrlichen Barcadi (jetzt Habana Club) mit grünen Limetten und "Son"-Cola abholen und wer bedürftig ist, gelegentlich bei der Finsternis unter dem Tisch auch einen feuchten Finger. Der Ober kassiert mit Taschenlampe.
Angeheitert kehren wir pünktlich zurück und pünktlich geht es los.
Ich werde auf der Brücke zum Manöverschreiben abkommandiert.
Der Jesus und das Moro-Castel passieren uns an Steuerbord, wir stechen in das Karibische Meer.
Während wir Havanna fröhlich verabschiedeten, hat der Passat gewaltig aufgeflaut.   
Das Schiff dreht auf einen ungünstigen Kurs und es scheppert gewaltig.
Meine Schreibmaschine und ich stützen uns entgegen, etliches geht über Stag.
Ich bewahre im Funkraum das Volkseigentum vor größeren Schäden und widme mich danach nebenan im angrenzenden Wohnraum fürsorglich unserem Privateigentum.
Auf Knien bitte ich meine Gattin, sich in der Passagierkammer etwas umzutun, während ich in dieser Körperhaltung die zahlreich in der Kammer herumkugelnden Orangen zu erhaschen versuche.
Meine Gemahlin hatte aber bereits schon beim zweiten Überholen des Schiffes, den günstigen Schwung ausnutzend, sich in die Koje gehievt.
Aus Sicht der Passagiere behauptet sie, jetzt lebensbedrohend erkrankt und 120-prozentig arbeitsunfähig zu sein! Nicht einmal zum Einfangen der herumkugelnden Pampel- und anderen Musen sei sie noch einsatzfähig.
Nachdem in der obersten Etage alles bereinigt, gelascht und verstaut ist, haste ich hinab in die Passagierkammer.
Zu spät!
Wir sind auf diesem Schiff mit Sesseln ausgestattet, deren rote Kunststoffpolster in ein Schlittengestell mit Kufen aus verchromten Rohr eingehängt sind. Die ungünstigsten Sitzmöbel für einen hyperaktiven Bananenjäger. Die beiden Schlitten in der Passagierkammer nutzen jetzt die ihnen gebotenen wechselnden Hanglagen genüsslich aus. Ich kippe sie um, das dämpft etwas ihre Hyperaktivität. Der Wassereimer ist leer und poltert in der Kemenate herum. Ich lege ihn ins Waschbecken und verlasse mit nassen Hosenbeinen das Chaos. Hier ist alles zu spät!
Der Situationsbericht über den Zustand unserer Suite geht an meiner desinteressierten Gemahlin unter der Bettdecke total vorbei.
Nur für den freigewordenen Eimer zeigt sie ein gehobenes Interesse.
Nach dem Auslaufen habe ich im Funkraum mein Tun und bemühe mich, mit meinen 300 Watt den Kollegen von Rügen Radio meine Telegramme anzudrehen. Das geht nicht so reibungslos und braucht Überzeugungsgeschick.
Gegen Mitternacht kremple ich die Hosenbeine hoch und widme mich intensiver unserem ehemals trauten Heim.
Eine vormals weiße Handtasche, das lange Blaue und der kurze schwarze Fummel sind vom ehemals sorgfältig gemachten Bett herunter geglitten. Die beiden Feudel würde jetzt jede Lokusfrau als wertlose Putzlappen nur mit zwei Fingern entsorgen. Die Schlittenkufen haben die elegante Robe total zerknietscht. Danach bei der ovalen neuen "First Class"-Kaffeedose das Eröffnungsverfahren eingeleitet und aus einem Pfund gemahlenen Kaffee mit acht Litern Grünzeugwasser kalten Kaffee aufgebrüht. 
Die dünnwandigen Seeigel-Gehäuse wurden sehr feinkörnig gemahlen, die dickeren Muschelschalen grober und die Kiesel im ganzen belassen. Die machen sich jetzt als Mahlsteine nützlich. Der Bastkorb ähnelt einem zerfledderten Strohhut aus Treibgut. Das Bündel Absenker der Philodendron scandens mit den großen Kürbisblättern sind zu Grünfutter zerhäckselt. Einige Orangen sind noch voll beweglich, die meisten aber durch Verformung ortsgebunden.
Frische Kuba-Apfelsinen sind nicht nur strohig!
Dieses gehaltvolle Gemisch schwappte je nach Seitenlage des Dampfers im 9-Sekundentakt die Wände hinauf. Selbst noch an der Decke hängen die Fasern vom Strohhut zwischen den Krümeln vom Kaffeesatz.
Inzwischen haben die Flutwellen aber ihre Höchststände erheblich abgebaut, der textile cremefarbene Bodenbelag hat sich total vollgesoffen, eine misslungene Batikarbeit. Bei jedem Fusstritt quillt die braune Brühe unter den Sohlen hervor.
Im ersten Aufbegehren will ich meine Frau erwürgen, etwas Strafe muss sein! Nur der humane Gedanke, dass für eine Hinrichtung die Verurteilte gesund sein muss, hält mich jetzt davon ab!

In dem ansonsten so furchtbaren Bermuda-Dreieck nehme ich die Renovierung der verwüsteten Suite in Angriff.
Auslegware raus, im Sonnenschein an Deck mit P3 schruppen. Vier Wände und auch die Decke brauchen einen neuen, getönten Latex-Farben-Anstrich. Mir helfen die Kollegen. Die beiden vollgesoffenen Steppdecken, das lange Blaue und das schwarze Tü-tü werden neben das Schiff gestellt.

Als greifbare karibische Erinnerungen blieben nur die Kieselsteine.