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Was bin ich gern um Skagen gefahren….. Drucken

obwohl schon seit 1895 der Kaiser-Wilhelm-Kanal der allgemeinen Schifffahrt zur Verfügung steht.
Wer von der Ostsee in die Nordsee verholen will, nutzt günstigsterweise diese künstliche Wasserstraße. Gegen Gebühr natürlich.

 

Wer die Abkürzung nutzt und sich von der Ostsee in die Nordsee die beschwerliche Umrundung von Dänemarks Nordspitze um Skagen nicht antun möchte, spart etwa 900 km. Somit Betriebszeit und die dafür benötigten Tonnen teuren Treibstoffs.
Der Nordostsee-Kanal ist heute die meist befahrendste Wasserstrasse der Welt.
Schon die Wikinger zogen lieber paar Dutzend Meilen ihre Boote über Land, um dann weiter über die Schlei, Treene und Eder von der Ostsee über die Elbe in die Nordsee zu gelangen.
Die DDR ist weder OPEC-Land noch sonst mit Ölquellen reich ausgestattet. Ihre Flotte bevorzugt dennoch den Umweg durch Belt oder Sund um Skagen, um dann in der oft recht unwirtlichen Nordsee den Treibstoff zu verheizen.
Der Wetterbericht spielt bei der Entscheidung der Politökonomen nicht die geringste Rolle.
Bezüglich der Wirtschaftskraft der "Bonner Ultras" bellt da der Mops die Sonne an!

Auch als im Februar 1962 die himmelhoch aufgetürmte Nordsee Hamburg überflutete, war es mir vergönnt, von Antwerpen kommend die Nordsee zu durchqueren. Auf einem leeren Schiff wie ein Sektkorken!
(Siehe hierzu, "Ich sprenge einen Hai / Der 12. Februar 1962")

Weihnachten 1977, der Bananenjäger "Theodor Körner" ballert mit 22 Knoten von Skagen diagonal durch die aufgewühlte winterliche Nordsee.
Bei einem strammen NW in Ballast: ein Sektkorken in dwars See!

Nach meiner letzten Wache, vom stressigen weihnachtlichen Telegrammverkehr ziemlich geschlaucht, beteilige ich mich zum Feierabend nach 22.00 Uhr ein wenig bei der Resteentsorgung der weihnachtlichen Bowle vom gestrigen "Heiligen Abend". Die Milchkanne mit dem gehaltvollen Getränk ist in der Messe sorgfältig gelascht und ob der beachtlichen Schiffsbewegung beschränkt sich die gut verkeilte Teilnehmerzahl bei diesem "sit in" nur auf den harten Kern und auch die Zugriffszeiten zu der Milchkanne halten sich in einem sonst unüblichen Limit.
Gegen 00.00 Uhr, mit Anbruch des zweiten Weihnachtsfeiertages haue ich mich in der Koje auf sämtliche Ohren. In meiner Kemenaten ganz oben, gleich hinter dem Kartenraum, schlägt das Pendel immer am weitesten aus. Mich wuchtet das immer am weitesten aus der Flucht!
Dreipunktlagerung, Kojenbrett eingehängt, Mors an dieses gepresst, Kopfkissen geknickt, die Hälfte hochkant an die Wand, um die Stirn zu polstern und mit den Füssen ebenso abstützen. Wechselnd drückt dann die Schräglage nach 9 Sekunden auf dem Mors und danach auf die Rübe.
Jeder Seemann kennt das, Lustfahrtpassagieren missgönnt man dieses echte Seefahrtsfeeling!

Gegen 01.30 Uhr steht einer an meiner Koje und rüttelte mich aus meiner stabilen Verankerung.
Der Wachsmatrose ist der Überbringer der schlechten Nachricht. Ich werde auf die Brücke beordert.
Am Kartentisch und um das Display des Decca-Navigators Mark 12 gruppieren sich der Alte, der Chief Mate und der Second als WO. Ich brauchte nur einen Atemzug, um die Brisanz der Situation in mich einzusaugen.
Decca, damals das non plus ultra, ist ausgefallen.
Mir muss auch gar nichts erklärt werden, eine hinweisende Handbewegung auf dieses alle selig machende navigatorische Hilfsmittel verdeutlicht mir alles!
Die drei farbig unterschiedlichen Spinnen vollführen einen hektischen Tanz.

Bei Navigatoren der höchsten Leistungsklasse A6 keimt da Hektik auf, die niederrangigen A3er, auf den Kümos, fahren da ganz kühn ihren Kurs weiter, nehmen beim Insichtkommen des ersten Leuchtfeuers die Stoppuhr zur Hand und ermitteln somit terrestisch die Blitzgruppe entweder von Borkum, Texel oder Terschelling.
Zum Glück hat nun Kapitän Schlegel (†) auf "Theodor Körner" keinen heurigen Hasen in seiner gut sortierten Crew.
Diese flatternden Spinnen des Decca-Gerätes waren mir schon einmal untergekommen: "Das ist die Antenne, Kapitän! Das kriege ich in Griff!"
Draußen, außerhalb der kuscheligen Aufbauten in der mittleren Nordsee staubt es gewaltig. Die Decca-Antenne hängt - gemäß meiner Vermutung - schlaff vom Peildeck herab. Sie ist am äußersten Ende der Rahe oben am Brückenmast über dem Peildeck abgerissen.

"Besorgt mir mal Ölzeug komplett, Sicherheitsgurt und eine ordentliche Lampe!"

Das spezielle Antennenmaterial, eine isolierte Litze, habe ich als Ersatz in meinem Store.
Den Coil stülpte ich mir über den sorgfältig gebrassten Südwester, stecke mir Seilklemme, Kausche, Schäkel und Steckschlüssel in die Ölhose und hangele mich oben auf dem Mast auf das äußerste Ende der Bb-Rahe. Eine Hand für das Schiff, die andere für die Lampe, aber keine mehr verfügbar, um weit draußen angekommen, damit auch etwas zu bewerkstelligen.
Obwohl mittlerweile Kurs und Maschinenleistung so gewählt wurden, um die geringst möglichste Schiffsbewegung zu produzieren, hänge ich stellenweise recht beansprucht dort oben zwischen Gischt und Finsternis wie ein Schluck Wasser in meinem Sicherheitsgurt, wenn mich der Dampfer mal eben auf 30° rückenlastig aus der Senkrechten neigt.
(Daher rührt wohl heute noch mein Lustgewinn bei einer ordentlichen Achterbahnfahrt oder einem Bungy-Sprung.)
Die brauchbaren mittleren Krängungen nutzte ich, um zwischendurch meine Antenne mit einem Auge, der fipsigen Seilklemme, mit klammen Fingern und mäßiger Beleuchtung zu befestigen.
(Na klar, hätte ich auch das Auge mit Kausche unten in den Aufbauten vorfertigen können. Dann hätte oben auf der Rahe ein Schäkel zum Befestigen ausgereicht! Hätte, hätte ….!)

Das Schiff geht wieder auf den vermutlich richtigen Kurs.

Das oben befestigte Kupferkabel dann unten im Kartenraum abgelängt, abisoliert, verlötet, im Anschlusskasten angeklemmt und zack… alle Spinnen beenden ihren hektischen Tanz.
Jetzt übertönt nur noch die Geröllhalde der vom Herzen fallenden Steine das Geräusch des allgemeinen Aufatmens.
Nach kurzem Einschwingen weiß "Theodor Körner" wieder, wo sie sich mittlerweile zwischen den Wellenbergen der weihnachtlichen Nordsee herumtreibt.

Der gesteuerte Kurs wird am "Eisernen Gustav" dementsprechend korrigiert.
Am zweiten Weihnachtsmorgen, zur ersten Wache im Funkraum, überreicht mir Kapitän Schlegel mit links eine respektable Flasche aus seinem Valuta-RP und klopft mir mit rechts auf die Schulter und ich mir, innerlich gerührt, auf die Gegenüberliegende.
"Na da muss das heute Nacht wohl nicht so ganz ohne gewesen sein, navigatorisch gesehen," schmunzele ich still in mich hinein.
Nach einer Sekunde Nachdenkens schmunzele ich wieder zurück.
Wenn dem Dampfer was Missliches widerfährt, sitzen wir doch alle im gleichen Boot!
Na ja, falls wir es dann auch unbeschadet zu Wasser kriegen.